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(10.06.2019) International Food, müde Löwen und Kritzeleien

Eigentlich könnte es auch genau dabei verbleiben, das ist die beste Zusammenfassung, die es für diesen Tag gibt.

Ein letztes Mal hatte ich heute Geschichte und so bin ich mit meinen Laugenbrezeln in der Hand zur Schule gestiefelt und war – natürlich – nicht die einzige, die Essen dabei hatte.

Und so türmten sich im Nebenraum dann Berge an Essen auf und nachdem jeder dann noch was zu seinem Essen erklärt hat, gings ans probieren.

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Es tut mir übrigens leid und bestimmt ist getrockneter Fisch unter Isländern total beliebt, aber mein allerliebstes Lieblingsessen wird es dann doch nicht gerade.

Ansonsten wollte ich noch das Affirmation Board festhalten. Das hat unser Geschichtslehrer am Anfang des Jahres mal aufgehängt und ich glaube, da sollten wir eigentlich mehr so positive und motivierende Dinge dranschreiben, aber irgendwie ist es mehr zu einem allgemeinen shit-post-board geworden.

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Es folgte eine Zusammenstellung meiner persönlichen Favoriten:

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Ich glaube wirklich, dass Drogen, Alkohol, Trump und allgemeiner Pessimismus nicht ganz das waren, was unser armer Lehrer sich erhofft hatte. Aber manchmal kommt alles anders, als man denkt.

Tara, Viktoria, der Kiwihüter und ich saßen dann ein bisschen in einem lehren Klassenraum rum, Tara hat meinen Arm vollgemalt und der Kiwihüter und Viktoria haben sich in meinem Fotoalbum verewigt.

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Mit diesem Foto will ich übrigens sagen: Gut gemacht, VRG Odenplan!

Das ätzendste an meiner Schule in Deutschland ist ja, dass wir bloß so Klokabinen haben und die Waschbecken sind dann halt im Nebenraum und es gibt so Momente im Leben (auf die ich jetzt nicht genauer eingehen will) wo ein abgeschlossener Raum für dich allein doch ganz schön ist.

Danach hatte ich Deutsch und der Rest der Truppe hatte ihr Religionsseminar, nur hatte ich nicht wirklich Deutsch und nachdem ich mich noch ordentlich von meiner Deutschlehrerin verabschiedet hab und sie in meinem Buch hab unterschreiben lassen, hab ich mich einfach wieder zu Tara und Viktoria gesetzt und wir haben ein bisschen über Gandalf und die Welt geredet.

Irgendwann musste Viktoria dann nach Hause und auch Tara und ich haben uns dann auf den Weg gemacht, denn ich hatte heute mein letztes Austauschschülertreffen und weil ich eigentlich aber was mit Tara machen wollte, hab ich sie einfach mitgenommen und das war dann auch völlig okay.

Nach dem Treffen saßen wir dann noch ein bisschen neben einem Brunnen und haben Enten beobachtet und irgendwann ist auch uns aufgefallen, dass Tara eventuell mal nach Hause müsste. Was bei uns immer furchtbar zeitaufwändig ist… wir sagen doch so ungern tschüss.

Übrigens wurde mein Hemd gestohlen… aber das lassen wir für heute mal durchgehen.

Der „müde Löwe“ war übrigens dieser Comic, dem ich auf Viktorias Anweisung lange haare gegeben hab und auf Englisch übersetzt hab… sie meint, sie sieht mich ein bisschen in dem kleinen Löwen da.

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Bis dann und wann, Jenna

(09.06.2019) Laugengebäck

Aber bevors ans Backen gehen kann, müssen wir ja erstmal irgendwie nach Hause.

Oder erstmal frühstücken, Betten abziehen, Sachen packen und ein bisschen wir selbst sein. Also besonders und hochgradig erwachsen.

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Der Garten ist übrigens richtig richtig schön, man muss sich bloß diese zwei eigentümlichen Gestalten da im Vordergrund irgendwie rausdenken.

Aber auch das schönste Wochenende nimmt mal ein Ende und weil wir ja morgen International Food Day in der Schule haben, mussten wir alle pünktlich nach Hause, wir mussten ja schließlich noch Essen machen.

Es war übrigens ein bisschen windig heute.

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Und so trug es sich zu, dass Linnea uns in Rotebro am Zug absetzt und Tara und ich zusammen den Nachhauseweg antraten. Irgendwie ist es alles ein bisschen komisch. Ich weiß, dass ich allerallerfrühstens in vier Monaten wieder in diesem Zug sitze, vielleicht auch erst viel später, und das fühlt sich super komisch an. Die Stille, die Landschaft, die vorbeifliegt und Tara die meine Hand in ihrer hält. Ich werd das vermissen.

Dann zum lustigen Teil des Tages.

Brezeln. Ich wollte Brezeln backen. Nein, das hatte ich nicht wirklich gut durchdacht, und nein, ich hab noch nie Brezeln selbst gemacht, warum auch? Die Aufbackdinger schmecken wahrscheinlich eh besser.

So oder so, jetzt standen Brezeln an.

Oder erstmal Mama anrufen und einkaufen gehen. Ich brauchte Natron (oder bikarbonat, wie es so schön auf Schwedisch heißt).

Ich hab danach dann meine Oma angerufen, immerhin brauchte ich irgendwie seelischen Beistand zum Backen. Irgendwie haben alle immer so Respekt vor selbstgemachtem Laugengebäck und so dachte ich mir, dass meine Oma bestimmt hilfreich ist.

War sie auch. Außerdem wars wirklich schön, dass ich in der Küche „Gesellschaft“ hatte.

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Und siehe da, am Ende hatte ich tatsächlich Brezeln (es waren mehr als fünf, ich versprechs) und Oma war auch gar nicht mehr so furchtbar skeptisch wie am Anfang.

Jetzt weiß ich auch, warum die Dinger Laugenbrezeln heißen.

Weil man das Gebäckstück vor dem Backen in Lauge taucht.

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Natürlich. Mischt man Natron ins kochende Wasser, löst es sich in einer schwach alkalischen Reaktion und man kriegt ne Lauge. Fragt mich nicht, warum ich diese Erleuchtung erst nach 17 Jahren hatte.

Oma hat die Zeit gestoppt und ich hab – nach Omas Anweisungen – die Brezeln in die Lauge gesetzt und hab erstaunt festgestellt, dass sie schwimmen. Also alle bis auf eine. Vielleicht hatte ich da versehentlich nen Stein mit eingebacken, ich weiß nicht.

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Und nach knappen 10 Minuten im Ofen, hatte ich Laugenbrezeln und war damit ein sehr sehr zufriedenes Jenna.

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Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder Laugenbrezeln machen will, ich hab nämlich definitiv schon spannendere Backprojekte gehabt, aber man kann ja schließlich nicht alles haben.

Bis dann und wann, Jenna

(08.06.2019) Ljusterö, here weg go

„I’m a bit selfish ‚cause I want to show you all the places I spent my summers“, sprach Linnea und genau deswegen gings für Linnea, Tara, Viktoria und mich dann heute raus nach Ljusterö.

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Ljusterö ist da ganz oben rechts in der Ecke. Man könnte sagen… es ist ne ganze Ecke weg. Haha.

So oder so, morgens um 9:30 haben Viktoria, Tara und ich uns dann an der U-Bahn getroffen und haben uns mit dem Zug auf nach Rotebro gemacht, denn da wollte Linnea uns dann einsammeln und dann gings mit dem Auto weiter nach Ljusterö.

Es war knapp, aber mit nur drei Minuten Verspätung (öhm… ups, tschuldigung) saßen wir dann im Zug und Viktoria sah aus, wie so ne Mama die ihre zwei kleinen Kinder zum Ausflugstag vom Kindergarten bringt. Ernsthaft. Tara und ich saßen da nämlich brav im Zug, mit festen Schuhen, gepacktem Rucksack und ein kleines bisschen aufgeregt, und dann saß da Viktoria mit dem typischen „I can’t hate you because you are my children, but you are a bit exhausting but I still love you“-Blick.

Ohne weitere Zwischenfälle saßen wir dann auch bald im Auto.

Ich liebe diese Menschen so sehr.

Manchmal gucke ich mir uns so an und denke mir so „Ach ja, 2/4 von uns sind schon erwachsen und wir sind ja auch mit dem Auto hier“ und dann gucke ich noch mal hin und stelle fest, dass absolut niemand von usn auch nur annähernd erwachsen ist. Adulthood is a myth!

Wir haben dann auf Ljusterö noch eingekauft und OH MEIN GOTT es ist super günstig da??? In Stockholm hätten wir für den gleichen preis nicht mal ein Drittel davon bekommen.

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Nein, wir haben nicht drüber nachgedacht, wie wir das alles innerhalb von einem Tag essen wollen.

Wir müssen pro Person ja auch bloß ein Brötchen, ein Wienerbröd, eine Orange, Erdbeeren, eine Tüte Chips, eine Packung Kekse, eine Flasche Saft und ne halbe Melone essen.

Abendessen kriegen wir bei ihrer Oma. Das da ist bloß Mittag.

Und so haben wir dann unseren Kram bei der Oma ins Haus gestellt, haben ein Stück Kuchen gegessen und sind dann losmaschiert, wir wollten ja am See picknicken.

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Wir haben uns dann da vorn zwischen die Bäume gesetzt (also auf der anderen Seite der Einbuchtung) und haben uns einen Stapel Essen in die Mitte der Picknickdecke gestapelt.

Irgendwann sind Viktoria und Linnea dann raus zu irgend ner Insel geschwommen, Tara und ich haben uns nur angeguckt, haben kurz überlegt und haben dann doch lieber bloß die Füße ins Wasser gehängt.

Irgendwann wurde ich dann so lange böse von Viktoria angeguckt, bis ich mich etwa ne halbe Flasche Sonnencreme auf mir verteilt hatte. (Frei nach dem Motto „Jenna, I am your mother so I am the dictator“ – Viktorias Begründung für alles)

Und so verging der Tag ganz ganz schnell.

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Wenn man auf Ljusterö (oder irgendwo sonst in den Stockholmer Schären rumrennt, dann fragt man sich immer „MENSCHEN LEBEN SO?????“

Ja, tun sie. Es gibt wirklich Menschen, die im buchstäblichen Paradies leben.

Abends hat Linneas Oma dann Nudeln mit Hühnen und Currysoße gekocht und wir haben uns dann kurz alle gefragt, was das bitte für eine Kombination ist (und wir haben uns noch mehr wie auf nem Kindergartenausflug gefühlt), haben dann aber ganz schnell eingesehen, dass das ne tolle Kombi ist und waren dann glücklich.

Viktoria musste abends schon zurück, weil die früh am nächsten Tag Pläne hatte und so haben wir sie zurück zum Bus gebracht (ja, man kann nach Ljusterö auch den Bus nehmen).

Auf dem Rückweg sind uns dann Schäfis begegnet!

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Ich bin ja großer Schafsfreund!

Ansonsten haben Tara, Linnea und ich dann den Gartenschuppen (oder offiziell wohl „Gästehaus“ bezogen und haben noch ein paar Stunden gequatscht, Chips gegessen und nachdem Linnea uns allen ein Gutenachtlied gesungen hat, sind wir eingeschlummert.

Bis dann und wann, Jenna

(07.06.2019) Familie T minus 7 Tage

Es ist strange. Es ist sehr strange.

Die Zeit rennt schneller davon, als mir lieb ist und es hilft auch kein Stück, wenn Menschen sagen „Aber du hast doch noch zweieinhalb Wochen, du fährst noch mit deinen Freunden weg, genieß doch die Zeit“. Ich weiß, es ist lieb gemeint, aber håll käften!

Ich hab das schon ein paar mal erklärt glaub ich, ich bin ein eigenartiger Mensch. Ich bin unfassbar ängstlich, aber die allergrößte Angst ist die, irgendwas zu bereuen, weswegen alle anderen Ängste dann in den Hintergrund gedrängt werden und ich so ziemlich alles irgendwie hinkriege.

Der Schritt um die Ecke herum, nach der Sicherheitskontrolle am Hannoveraner Flughafen war einer der grausamsten Schritte in meinem ganzen Leben (und ich danke der random Austauschschülerin, mit der ich auf dem Weg ins Gespräch gekommen bin dafür, dass sie mich abgelenkt hat), der erste Morgen am VRG war verbunden mit so viel Angst und flauem Gefühl im Magen.

Die Steintreppe hoch, übers Plateau, der Blick blieb kurz an der Büste von Viktor Rydberg hängen, die zweite Treppe hoch, vorbei am Zitat, dass ich noch nicht verstand in den rechten Korridor, die Augen an die Wand geheftet, OPL-310. Eine Ansammlung voller Menschen. Und dann auf sie zugehen, zu sagen „Hey, ich bin Jenna, ich bin Austauschschülerin und ich glaub das hier ist meine neue Klasse“, das war nicht besonders schön.

Ich hab mir ein paar alte Blogbeiträge durchgelesen und es ist eigenartig sie zu lesen. Die Art wie ich geschrieben hab, wie ich gedacht hab, wie ich Dinge wahrgenommen hab, all das liest sich wie die Geschichte von jemand anderem. Das war so weit von dem Menschen weg, der ich heute bin. Oder der ich schon immer war, irgendwo tief drin. Ich glaube inzwischen eigentlich, dass dieser Mensch schon immer irgendwo in mir drin war und ich ihn bloß nicht rausgelassen hab, weil ich nicht wollte, dass er verletzt wird, weil er zu zerbrechlich war. Der Mensch, der ich heute bin, der hätte nicht überlegt. Da ist es so viel einfacher ein neues Bild von sich zu malen, einen Charakter zu entwerfen und schwuppdiwupp kann dir niemand mehr wehtun.

Ich hab losgelassen. Ich hab ganz ganz vieles losgelassen. Dinge, an denen ich nicht festgehalten hab, weil sie gut waren, sondern bloß, weil ich Angst hatte, dass die Dinge, die danach kommen würden, eventuell bloß noch schlimmer werden würden.

Ich weiß noch, dass ich irgendwann im Oktober oder November letztes Jahr in der Schule einfach in Tränen ausgebrochen bin, weil ich bemerkt hab, dass sich da was verändert, also in mir, mit mir. Ich hab Panik gekriegt, wie immer, wenn ich mit Veränderung konfrontiert werde. Ich wollte das alles nicht, ich hatte Angst davor, in Deutschland nicht wieder reinzufinden, nicht wieder in das Bild zu passen, das ich zurückgelassen hab.

Inzwischen hab ich allerdings eins bemerkt; das Bild was ich da zurückgelassen hab, das sieht nicht mehr aus wie ich. Ich kann mich nicht mehr in die alten Denkmuster erinnern, ich hab die Geschichten, die ich mir ausgedacht hab, vergessen und all die Eigenschaften, die ich beschlossen hatte, mir zu geben, die sind längst verronnen.

Manchmal überlege ich, ob es anderen Austauschschülern genau so geht, ob sie auch so Gedanken haben. Ich weiß es nicht und ich will ehrlich gesagt auch nicht nachfragen. Ich will weder ein „Oh ja, ich fühle mit dir“, noch ein „Äh ne, sowas hab ich nie erlebt“. Ich will mich nicht vergleichen und ich will keine Meinungen hören.

Ab und zu denke ich drüber nach, wie sich mein Blog wohl liest, also für all die, die da zu Hause in Deutschland sitzen. Ob sie gar nicht mitkriegen, wie viel sich da in meinem Kopf getan hat, weil sie die Veränderung doch schleichend, Tag für Tag, miterlebt haben, irgendwie, oder ob sie sehr wohl sehen, dass der Mensch, der Mensch, der durch die Fluhafentür ging, nicht derselbe ist wie der, der in ein paar Tagen aus dem Wohnwagen steigen wird.

Ich wills auch gar nicht hören.

Ich will kein „Oh, du hast dich verändert“, „Deine Haare sind lang geworden und du trägst sie jetzt anders“, „Ach deine Ausstrahlung, sie ist jetzt so blablabla„, „Oh hast du zugenommen? Abgenommen? Keinen Sport getrieben?“, „Du wirkst jetzt so hierworteinfügen„, „Hast du nicht immer…“, „Warst du nicht sonst…“, „Aber früher hast du…“, „War das nicht sonst immer so, dass…“

Schnauze.

Tschuldigung.

Ich weiß, wie gemein das klingt, wie unhöflich, wie sehr man sowas nicht sagen soll, solche Sprüche sind doch „nicht so gemeint“. Weiß ich. Jeder von ihnen meints nur gut und sie machen doch bloß Feststellungen.

Mit sich selbst verglichen zu werden ist noch viel schlimmer, als wenn man mit anderen verglichen wird. Ich versuche hier was loszuwerden und ich bin auf dem besten Weg. Ich bin glücklicher so und ich will leben können, genau als der Mensch, ohne, dass jemand irgendwas hinterfragt.

Ist das zu viel erwartet? Wahrscheinlich. Darum bitten tue ich hiermit jetzt trotzdem.

Bitte lasst mich wachsen, mich als Mensch.

Bis dann und wann, Jenna

(06.06.2019) Ein letztes Mal vor der Abreise

Jenna beantwortet alle die lustigen Fragen, ein letztes mal bevors dann in 2 1/2 Wochen nach Hause geht.

Angst, dass mein Schwedisch nicht reicht.

Wie schon gesagt, völlig unbegründet. Ich hab grade eben Simon Beckets „Dödens kemi“ (oder im Original „The Chemistry Of Death“) gelesen und das läuft einwandfrei. Oh und Rückmeldung zum letzten Post, in dem ich durch die Fragen hier gegangen bin: Ich hab den Aufsatz zurückbekommen und ich hab ein B. Bewertet nach ganz normalen schwedischen Kriterien. Scheiße macht mich das glücklich.

Angst, von Fettnäpfchen in Fettnäpfchen zu stolpern.

Nö. Noch immer nicht. Ich glaub wenn man lange genug mit den Schweden rumhängt, dann färbt das irgendwann ab. Die einzigen Fettnäpfchen in die ich jetzt noch trete, sind die, in die jeder treten könnte. So Sachen wie jemandem Witze über Mikrowellenunfälle erzählen, der darauf dann erweitert, dass er seine Eltern in einem Mikrowellenunfall verloren hat.

Angst, meiner Gastfamilie auf die Nerven zu gehen.

Ehrlich gesagt, ich glaub wir haben uns jetzt zusammengerauft. Ich weiß gar nicht genau was eigentlich passiert ist, aber irgendein Schalter hat sich umgelegt und jetzt gehts.

Angst, keinen Anschluss zu finden.

Scheiße man. Schaut euch Tara an, Viktoria, den Rest der Truppe. Ich liebe sie. Mit meinem ganzen Herzen. So Freunde findet man kein zweites Mal im Leben.

Angst, den Erwartungen nicht zu entsprechen.

Ehrlich gesagt… es ist doch ganz okay. Grade läuft in dem Punkt alles ganz okay. Ich spreche Schwedisch besser, als ichs mir erhofft hatte und das ist im Endeffekt alles, was zählt.

Angst, irgendwelche organisatorischen Dinge zu versauen.

Das ist in meinem Blut, da kann ich nix gegen machen. Also doch. Aber leider bin ich auch ein chronischer Faulpelz, außer ich will irgendwas ganz doll. Sprach sie, während sie übermorgen mit ihren drei besten Freunden nach Ljusterö fahren will und in dem Punkt noch nichts (gar nichts) abgesprochen ist.

Angst, Dinge hier in Deutschland zu verpassen.

Schweden ist zu schön als dass viel passieren könnte, was Schweden nicht in irgendeiner Form kompensieren würde. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel!

Angst, dass Menschen hier für immer von mir gehen, denen ich nicht tschüss sagen konnte.

Die Angst besteht weiter, aber ich hab ja bloß noch 18 Tage und so minimierte sich das Risiko mit jedem Tag, weil das Zeitfenster ja kleiner wird und das ist eins der wenigen positiven Dinge am Wiederkommen.

Angst, dass mir in Schweden was passiert und niemand da ist.

Unbegründet. Zu viele Menschen um mich rum, die sich um mich sorgen. Nicht mal, wenn ich wollte, könnte ich mir die alle vom Leib halten und schon gar nicht, wenn mir was passieren würde.

Angst, dass mich der Inhalt meines Kopfes auffrisst.

Berechtigt. Scheiße. Wir werden sehen. Grade ist da etwas Tohuwabohu angesagt.

Angst, dass mich das Heimweh packt.

Oder wohl eher zuhause das Fernweh. Das scheint mir bedeutend wahrscheinlicher. Auch wenn ich mich doch freue, dass ich meine Mama in acht Tagen sehe.

Angst, in der Schule hier nicht wieder reinzukommen.

Ich habe beschlossen, die Tatsache, dass ich wieder zur Schule muss in Deutschland, zu leugnen. Ansonsten dreh ich durch und das versuche ich zu vermeiden.

Angst, dass die Schule in Schweden zu schwer ist.

Ich habs geschafft. Ich hab durchgehalten und ich hab tatsächlich irgendwie mithalten können und nebenbei noch ne dritte Sprache gelernt. I managed.

Angst, allein zu sein.

Witzig. Ich könnte meine Freunde nicht mal abschütteln, wenn ich wollte. Egal was mein Kopf mir manchmal versucht zu erzählen, ich bin nicht allein.

Angst von zu vielen Menschen umgeben zu sein, ohne wirklich von ihnen umgeben zu sein.

Passiert manchmal. Der Gedanke an die Heimreise macht mich manchmal ziemlich apathisch, aber irgendwie fange ich mich dann doch wieder, oder Viktoria pustet mir ins Ohr oder Tara pikst mir ins Gesicht, und dann bin ich ganz schnell wieder in der Wirklichkeit.

Angst, dass Gefühl von Fremde nicht loszuwerden.

Das bin ich ein bisschen zu sehr losgeworden. Stockholm ist Heimat. Mein Zuhause. Dort wohnt meine zweite Familie und mein Herz.

Angst, zurückzukommen und Schweden mehr zu vermissen als gesund ist.

Ja.

Angst davor, vor Angst blind zu werden.

Wir werden sehen. Noch kann ich glaub ich gucken. Auch wenns manchmal etwas milchglasscheibenmäßig aussieht.

Bis dann und wann, Jenna

(05.06.2019) Die Zeit der letzten Male fängt so richtig an

Ich möchte diesen Blogpost nicht schreiben, aber so ist es nun mal.

Heute hatte ich das letzte Mal Mathe und das war schrecklich uncool.

Aber alles auf Anfang. Heute ist ja Mittwoch und da sollte ich theoretisch überhaupt kein Mathe haben, aber laut Schoolity hatten wir heute Unterricht, als wäre es einFreitag und dementsprechend standen Sport und Mathe auf dem Programm, aber Sport ist ausgefallen und so blieb bloß Mathe über und ahh ich habe diesen ganzen Satz in einem Atemzug geschhrieben und sitze hier jetzt hechelnd.

Theoretisch hätte ich dann um 13:25 zur Schule kommen können, aber weil mein Gastpapa ja heute Abend seinen Geburtstag feiert, kam heute Morgen die Putzkraft (ich hab immer noch kein politisch korrekteres Wort dafür gefunden) und im Endeffekt musste ich dann doch um neun aus dem Haus.

Und so saß ich friedlich in der Schule, hab ein bisschen gelesen und irgendwann kam dann auch Tara, die irgendwie nicht gepeilt hat, dass wir kein Sport haben und hey, so hatte ich wenigstens meinen Lieblingsmenschen bei mir.

Dann wurdes eigenartig.

Wir erinnern uns kurz: Tara ist 18. Sie ist erwachsen. Der Rest von uns ist spätestens am Ende dieses Jahres dann ebenfalls erwachsen.

Dementsprechend präsentiere ich hiermit: Pablo-Bertil.

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Wir trafen Pablo-Bertil als er seelenlos durch die Korridore schwebte.

Und irgendwann mussten wir dann Abschied von ihm nehmen…

Ich möchte an dieser Stelle kurz Franz Ferdinand zitieren:

 

„Always and always and always ascending
The opening line leaves an uncertain ending“

Ich sag ja, wir sind schrecklich erwachsen!

Das Mittagessen sah dann aus wie der letzte Schlumps und so haben wir dann doch lieber Eis gekauft. Das schien nahrhafter. (Ja, ich habe fast drei Minuten gebraucht, bis mir aufgefallen ist, dass die Autokorrektur „nährreich“ nicht unterkringelt weils falsch geschrieben ist, sondern weils kein Wort ist. Bravo Jenna).

Irgendwann wars dann aber tatsächlich Zeit für Mathe und da haben wir – hipp, hipp, hurra (sorry) – kein Mathe gemacht, sondern V für Vendetta geschaut während unsere Lehrerin dann mit allen nacheinander die Noten besprochen hat.

Ich mein, manche Lehrer in Deutschland machen das ja genau so, dass sie mit den Schülern einzeln vor die Tür gehen… aber dann sind da halt auch so Menschen wie mein Deutschlehrer, der sowas dann laut durch die ganze Klasse ruft.

Nach dem Unterricht hab ich dann meiner Mathelehrerin noch ne Kleinigkeit zum Abschied in die Hand gedrückt, wie man das halt aus Deutschland so kennt und irgendwie war das ein ganz mieses Gefühl. Ich hasse Abschiede. Und letzte Male. Und bäh. Vor allem jetzt, wo ich doch grade Frieden mit ihrem Unterricht geschlossen hatte und mich tatsächlich auf meine Mathestunden gefreut hab. Das ist doch scheiße alles.

Ich hab ihr dann noch ne Karte zu meinem Blog gegeben (ich habe das vorher mit meiner Mama gesprochen und Mamas haben manchmal Ahnung und meine hat gesagt „mach ma“) und mir fällt grade auf, dass jetzt ne Chance besteht, dass sie das hier lesen könnte (an dieser Stelle, hallo) und das ist auch super strange, aber hey, so isses jetzt nun mal. Ich hoffe sie kann meinen anfänglichen Hasstiraden über das Fach Mathematik mit Humor nehmen. Ansonsten tuts mir sehr leid.

Oh, und meinem Chemielehrer hab ich sein Abschiedsdingsbums auch schon gegeben, aber ich hab vergessen ihn in meinem Fotobuch unterschreiben zu lassen, deswegen muss ich den dann doch noch mal wiederfinden.

Viel mehr ist heute auch gar nicht passiert. Tara, Linea, Mårten und ich haben noch Eis gegessen und schlussendlich bin ich dann nach Hause, hab versucht produktiv zu sein, bin gescheitert und bin dann irgendwann schlafen gegangen.

Bis dann und wann, Jenna

 

(04.06.2019) Look what you made me do

Nein, ich finde Taylor Swift immer noch scheiße und dieser Titel war bloß ein kleiner Kollateralschaden.

Wie dem auch sei, ich hab mich heute bemerkenswert früh aus dem Bett gerollt, was eine außerordentlich dumme Idee war, aber um die ich partout nicht drumherum gekommen bin.

Heute hat nämlich mein Gastpapa Geburtstag, was mich minimal überrasche, alle sprachen immer von Mittwoch, aber Mittwoch ist die Feier und der Geburtstag ist heute. Aber vom Morgen hab ich eh nicht viel mitgekriegt, ich hatte die fiesesten Kopfschmerzen seit langem.

Um acht hatten meine Aspirin dann angefangen irgendwas zu tun und da stand auch schon Tara vor der Tür, denn dieser werte Mensch wollte unbedingt einen „cloth-switching-day“. Toll.

Im Endeffekt wars gar nicht so dramatisch und Tara in meiner Nintendojacke und dem Ésmaticx-Shirt ist wahrscheinlich der most adorable Anblick, den ich je hatte.

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Scheiße bin ich froh, dass da keine besseren Fotos von diesem Tag existieren. Ehrlich.

Wir hatten heute dann nur Schwedisch, denn laut Schoolity hatten wir heute Unterricht, wie als wäre es ein Donnerstag und zusätzlich haben wir noch ne Mail gekriegt, dass Physik heute entfällt. Es hat mich jetzt nicht per se traurig gemacht… sprach die zukünftige Maschinenbauerin. Ähem.

Tara und ich sind dann los in die Stadt um ein deutsches Kochbuch zu besorgen. Das wollte ich ja eh heute machen und da wars natürlich praktisch, dass irgendwie der halbe Tag ausgefallen ist.

Und so liefen wir von Buchhandlung zu Buchhandlung zu Buchhandlung, irgendwann sogar ins Antiquariat, doch niemand interessiert sich für deutsche Küche. Ehrlich. Niemand.

Irgendwie haben wirs dann fertiggebracht, dass wir auf Google Maps das falsche angeklickt haben und den Anweisungen dann ohne nochmal nachzugucken gefolgt sind. Und so waren wir kurz verdutzt, als die Buchhandlung nen arabischen Schriftzug im Schaufenster hatte… aber hey, wir wollen ja keine voreiligen Schlüsse ziehen und sind trotzdem mal rein. Drinnen hat uns dann ein sehr sympathischer alter Herr begrüßt, der uns dann auch bloß erklärte: „Deutsche Kochbücher? Wir sind doch eine persische Buchhandlung“. Ups. Er hätte aber persische Kochbücher sagte er und so ließen wir uns eben ein paar von denen geben.

Im Endeffekt habe ich dann ein unfassbar dickes Kochbuch über historische persische Küche und moderne iranische Rezepte gekauft und Tara und ich haben uns auf den Weg nach Hause gemacht.

Zuhause hab ich dann erstmal ein Nickerchen gemacht, schließlich war eh noch niemand zuhause und ich konnte die mickrigen drei Stunden Schlaf der letzten Nacht fühlen.

Abends hab ich meinem Gastpapa sein Geschenk gegeben und er hat sich sehr sehr doll gefreut und danach sind wir essen gegangen. Ich frage mich wirklich, warum man in einen Laden geht, wo die Nudeln nicht mal annähernd an Papas Bolognese rankommen und das Eis zum Nachtisch mehr als 10€ kostet (und nein, kein fancy irgendwas… eine Kugel Zitroneneis in ner ausgehöhlten Zitrone).

Irgendwann waren wir dann wieder zuhause und ich bin mehr so direkt zurück ins Bett gekippt, da war noch immer Schlaf nachzuholen.

Bis dann und wann, Jenna