(09.11.2018) Das größte Geschenk auf Erden (und wie ich zum zweiten Mal am Tag in Tränen ausgebrochen bin)

An alle Menschen, denen ich das noch nicht persönlich erzählt hab:

Ich will so per se nicht besonders dringend nach Deutschland zurück. Nicht, weil ich die Menschen nicht vermisse oder weil alles scheiße war da, davon sind wir weit entfernt. Aber Schweden verändert mich als Menschen und ich bin freier und glücklicher als jemals zuvor und ich glaube niemand kann mir verübeln, dass ich das nicht loslassen will.

Jetzt zum Tag. Der Kiwihüter hat Geburtstag. Aber fangen wir mit Sport an.

Meine Knie sind absolut im Arsch und meine Arme sehen aus, als hätte ich mit irgendwem gekämpft. Es war aber bloß der Boden. Unser lustiger Sportlehrer hat irgendwelche tollen Spielideen aus Indien angeschleppt. Das ganze heißt Kabaddi, tut weh und kann man sich hier anschauen.

Und während wie immer alle in die Schule sind, bin ich dann ganz schnell nach Hause gehuscht um des Kiwihüters Geschenk zu holen. Ich hab ihm zusätzlich zur Tasse noch eine Ärmeldecke besorgt (weil es schließlich der Kiwihüter ist und weil er meine so toll fand) und Schokolade war auch noch drin.

Dann hab ich den gigantischsten Karton genommen, den ich finden konnte, ein Schild „Bookshelf – Instructions not included“ draufgeklebt (wir wollen ja nicht, dass jemand ahnt, was da eigentlich drin ist) und bin in die Schule gestiefelt.

Auf seinem Gesicht (gut, eigentlich auf aller Menschen Gesichter) machte sich leichter Horror breit, als sie die Kiste erblickten.

Und so wurden dann schließlich Geschenke überreicht und irgendwann zerstreute sich die Gruppe ein wenig.

Übrig waren der Kiwihüter, ich und ein dritter lieber Mensch.

Und dann kam die Mail von meinem Local Coordinator, sie hätte gehört, ich seie etwas traurig und wollte wissen, ob bei mir alles okay ist.

Ich hab die Mail dann – perplex wie ich war – dem Kiwihüter unter die Nase gehalten. Große Frage: Woher wusste sie das? Der einzige Mensch, dem ich das erzählt hab, dass ich so im Eimer war, weil mir klar geworden ist, dass der Januar immer näher rückt, war doch der Kiwihüter.

Und der meinte dann, ziemlich unter Schock, dass es eventuell seine Eltern waren. Der war nämlich noch viel mehr am Ende als ich und in dem Zustand haben sie ihn damals gefunden und er hat ihnen alles erzählt. (Was okay ich, das sind eh unfassbar liebe Menschen und wer so ein Kind auf die Welt bringt, kann gar nicht schlecht sein).

Und dann wurde alles noch viel besser.

Während mir die Tränen kamen, meinte der andere unendlich Liebe Mensch, dass sie vielleicht jemanden kennt, der mich aufnehmen kann, sodass ich hier in Schweden bleiben kann. Die hätten schon öfter Leute gehabt, die ein Auslandssemester gemacht haben und die wären eh total super.

Noch mehr geheult hab ich dann, als der Kiwihüter mir erzählt hat, dass er (und die Family) schon seit dem Tag, wo ich ihm alles erzählt hab, nach einer Familie für mich suchen.

Und während dich alle deine Freunde im Arm halten, du dir die Augen aus dem Kopf heulst und sie ihr Leben für dich auf den Kopf stellen, nur damit du in Schweden bleiben kannst, tja, da war ich wohl ganz sicherlich der glücklichste Mensch auf Erden. Ich liebe sie alle so unendlich sehr.

Und nachdem ich mich durch Mathe geschlagen hatte, konnten der Kiwihüter und ich dann nach Hause. Da wollten schließlich Kürbisse geschnitzt werden.

(Find mal jemanden, der an seinem Geburtstag mit dir Kürbisse schnitzt, nur weil du das so gerne machen wolltest).

Und zum Familiengeburtstagabendessen war ich dann auch gleich eingeladen.

Hab ich mal erwähnt, wie sehr ich diese Menschen liebe?

Und auf dem Weg zum Kürbisse kaufen, da hab ich wohl die überwältigensten Nachrichten überhaupt bekommen. Aber die behalte ich für mich, es ist noch nichts sicher und ich will nichts heraufbeschwören.

So stand ich dann also mitten auf der Straße und hab schon wieder geweint.

Unsere Kürbisse sind übrigens grandios geworden!

Und die kiwihüterlichen Großeltern sind auch unfassbar liebe Menschen, die uns dann gleich mal zum Kaffeekränzchen nach der Schule eingeladen haben. Nachdem sie nämlich festgestellt haben, dass ich schwedisch spreche, waren sie eh ziemlich begeistert.

Und irgendwann saßen der Kiwihüter und ich in seinem Zimmer, jeder in seiner Ecke des Raumes, ein bisschen Gedöns so weit weggeschoben, dass sich ein kleines bisschen Boden auftat, zumindest so viel, dass man drauf sitzen konnte.

Und wir haben geredet und geredet und geredet. Und irgendwann sagten seine Eltern gute Nacht. Und Irgendwann schrie die Kuckucksuhr Mitternacht. Und wir saßen immer noch da und haben geredet.

Ich weiß nicht was es ist, aber alles war plötzlich okay.

Bis dann und wann, Jenna

Autor: jenthehitchhiker

Hi, ich bin Jenna, 16 Jahre alt und habe nicht halb so viel Ahnung vom Leben wie ichs gerne hätte. Außerdem ist hier ein schwedischer Zungenbrecher: "Sju skönsjungande sjuksköterskor skötte sjuttiosju sjösjuka sjömän på skeppet "Shanghai"."

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