(22.11.2018) Ein kleines Zwischenfazit

Ich hab am 13.08.2018 einen lustigen Blogpost geschrieben, in dem es um Angst ging. Dort gibt es eine lustige Liste mit Dingen, vor denen ich fünf Tage vor meiner Abreise panische Angst hatte.

Nach über drei Monaten und jedem Gefühl, das man irgendwie durchlebt haben kann, würde ich gern ein kleines Zwischenfazit ziehen.

Jeder Satz, der mit Angst beginnt und in kursiv geschrieben ist, ist ein direktes Zitat aus meinem eigenen Text von vor dreieinhalb Monaten.

Angst, dass mein Schwedisch nicht reicht.

Völlig unbegründet. Jeder Mensch hier spricht Englisch und auch wenn sich alle Leute freuen, wenn du versuchst Schwedisch zu sprechen, verurteilt dich niemand, wenn du doch mal für nen Satz ins Englische rutschst. Und tatsächlich hat mich noch nie jemand fürs Nachfragen von Vokabeln oder ähnlichem blöd angemacht. Außerdem lernt sich Schwedisch – wenn man denn will – wirklich unfassbar gut, auch wenn die Aussprache und der Mist mit den Artikeln manchmal doch etwas zum Haare raufen, es geht!

Angst, von Fettnäpfchen in Fettnäpfchen zu stolpern.

Passiert hin und wieder, aber auch dafür wurde ich noch nie blöd angemacht. Meine Freunde werfen mir dann im Gegenzug blöde Witze über Deutsche ins Gesicht und wir sind quitt und meine Gastfamilie lacht auch bloß und erklärt mir dann, dass das vielleicht nur so mäßig geschickt ist, wenn ich das so sage.

Angst, meiner Gastfamilie auf die Nerven zu gehen.

Sie geben mir das Gefühl, dass es überhaupt nicht so ist. Ich weiß nicht wie, aber sie vermitteln durchgängig das Gefühl, dass sie sich freuen, mich dazuhaben (was an ein Wunder grenzt, nicht mal ich freu mich immer mich dazuhaben). Ausgenommen vielleicht meine Gastschwester, aber wie das mit Menschen in unserem Alter so ist, wir wollen manchmal einfach bloß allein sein. In solchen Momenten weiß ich dann aber, dass sich ihre Laune nicht gegen mich als Mensch richtet, sondern gegen den Fakt, dass ich (genau wie ihre Eltern) ein lebendes Individuum bin.

Angst, keinen Anschluss zu finden.

Das ist ein schlechter Witz. Ich liebe meine Idiotentruppe von ganzem Herzen und bin ihnen so unendlich dankbar, dass sie mich quasi irgendwie einfach adoptiert haben. (Ohne Spaß, vor ein paar Tagen saßen wir alle (wie Schüler manchmal so sind) leicht demotiviert um einen Tisch, manche halb eingeschlafen und andere sind bloß am Prokrastinieren, da schaut sich die eine um und meint mit sehr erwachsener und besorgter Stimme „What happened to all of you, my dear children?“ und seitdem haben wir uns irgendwie damit abgefunden, adoptiert worden zu sein). Egal was in meinem Kopf rumspukt, sie sind da und es sind vor allem Menschen, die auf Anhieb verstehen. Wenn jemand sagt „Sorry I don’t feel like sitting in the luchhall today, it’s so full of people“, dann sucht man sich völlig kommentarlos eine ruhige Ecke zum Essen. Ich mag die Art, wie Leute behandelt werden, denen es nicht gut geht. Am Anfang schien das alles etwas strange, aber heute schätze ich das sehr. Es ist die Salve an einfachen ja/nein-Fragen, die am Anfang kommt. „Do you want to talk?“ „Do you want company?“ „Do you want to sit outside?“ „Inside?“ „Should we tell a teacher?“ „Are you in pain?“ „Any triggers nearby?“. Wie gesagt, am Anfang schien das unglaublich komisch, aber inzwischen ist das eins der Dinge – auch wenn das sicherlich nicht der Weg für jeden ist – die ich wirklich am allermeisten schätze an diesen Menschen. Kurz gesagt, die Angst, keinen Anschluss zu finden ist vollkommen unberechtigt gewesen, und ich hoffe in diesen Menschen wirklich Freunde fürs Leben gefunden zu haben.

Angst, den Erwartungen nicht zu entsprechen.

Der einzige Mensch, der wirklich große Erwartungen hat, bin ich selbst. Ich bin auch die einzige, die glaubt, dass andere riesige Erwartungen haben. Natürlich erwartet die Schule, dass man da ist, nicht stört und dem Unterricht to the best of your abilities folgt, aber das sollte selbstverständlich sein. Ebenso erwartet die Gastfamilie natürlich auch, dass man irgendeine Art von Fortschritt in Sachen Schwedisch macht, aber auch das ist – besonders mit einer Familie wie meiner – das kleinste der Probleme. Im Endeffekt bin ich also der einzige Mensch, der wirklich große Erwartungen hat und die geraten gerne mal in Vergessenheit, einfach weil ich wirklich schrecklich glücklich bin.

Angst, irgendwelche organisatorischen Dinge zu versauen.

Ist völlig Menschlich und ist mir in großem Maße noch nicht passiert. Mit kleinen Dingen wie irgendwelche Orte finden, mit der U-Bahn verloren gehen und ein paar Minuten zu spät sein oder auch 20 Minuten vor Schulbeginn aufwachen und zur Schule sprinten und deswegen vergessen, das Bett abzuziehen, die passieren jedem anderen Menschen in meiner Gastfamilie genau so und die haben sie aus eben diesem Grund nach etwa zweieinhalb Minuten schon wieder vergessen.

Angst, Dinge hier in Deutschland zu verpassen.

Die Angst ist noch immer da und vor allem mit der Jugendweihe, die jetzt wieder anfängt, fehlt mir doch irgendwie ein bisschen was. Andererseits bin ich ja nicht völlig abgeschnitten von der Welt und wenn mir langweilig ist, irgendwas passiert ist oder welcher Grund auch immer mir grade einfällt, dann drückt man kurz auf den Whatsapp-Videoanruf-Knopf und ist innerhalb von etwa drei Sekunden auch visuell mit der Heimat verbunden und kann sich bequem auf den neusten Stand bringen lassen.

Angst, dass Menschen hier für immer von mir gehen, denen ich nicht tschüss sagen konnte.

Auch diese Angst besteht und da ist absolut nichts, was ich dagegen machen kann. Da hilft auch kein „sterben ist ein natürlicher Prozess und teil des Lebens“, es ist einfach so.

Angst, dass mir in Schweden was passiert und niemand da ist.

Ich weiß, dass meine Familie so schnell wie menschlich irgend nur möglich herkommen würde, sollte mir irgendwas schwerwiegendes passieren und für die Zeit, bis sie da sind, hab ich meine Gastfamilie und meine geliebte Idiotentruppe, sodass ich mich unter keinen Umständen allein fühlen würde.

Angst, dass mich der Inhalt meines Kopfes auffrisst.

Das ist mir in den letzten paar Tagen zum ersten Mal seitdem ich Deutschland verlassen hab, auch nur ansatzweise passiert. Und es ist weniger der Inhalt meines Kopfes der mich auffrisst, sondern viel mehr bloß das selbe Gefühl, wie wenn das passiert. Im Moment ist es eigentlich mehr Chaos, aber schönes Chaos irgendwie, also ist selbst das alles nicht so schlimm (auch wenn ich 18 Stunden am Tag schlafe).

Angst, dass mich das Heimweh packt.

Dazu bin ich bei weitem zu glücklich. Ich glaube Heimweh bekommt man dann, wenn im Kopf mehr Trauer (weil Zuhause vermissen) ist, als Freude (weil neues Zuhause toll) vorhanden ist. Ist es ausgeglichen (blau in Diagramm), kann man so vor sich hinleben und wenn mehr Freude als Trauer da ist (gelb im Diagramm), dann hat Heimweh nicht wirklich eine Chance, zu existieren. Das heißt natürlich nicht, dass man sein Zuhause nicht vermisst, es heißt nur, das genug Freude da ist, um das Gefühl auszukontern.

heimwehfreude (4)

Angst, in der Schule hier nicht wieder reinzukommen.

Die Angst hab ich noch immer, sie wird sogar schlimmer, jetzt wo ich, wenn alles gut läuft bis im Sommer bleibe und die wird mir auch kein gutes Zureden nehmen können. Allerdings weiß ich, wie sehr ich mir später selbst in den Arsch beiße, wenn ich nicht so lange hierbleiben würde wie möglich und so ist das irgendwie alles etwas tumultig in meinem Kopf, aber irgendwie auch okay.

Angst, dass die Schule in Schweden zu schwer ist.

Ist sie definitiv nicht. Auch wenn die ersten Wochen etwas kompliziert waren, weil man ja doch erstmal die Sprache lernen muss, gings dann irgendwie doch. An dieser Stelle muss man irgendwie in den sauren Apfel beißen und seine gesamten Notizen in zwei Sprachen schreiben. Irgendwann konnte ich dann anfangen, in Schwedisch zu schreiben und nur noch einzelne deutsche Wörter in rot darüber zu schreiben und heute gehts tatsächlich auch komplett auf Schwedisch.

Angst, allein zu sein.

Keineswegs! Also ja, die Angst hatte durchaus ihre Daseinsberechtigung, die hat sie aber schon lange wieder verloren. Meine Gastfamilie und meine geliebte Idiotentruppe geben mir das Gefühl, dass ich wirklich vieles bin, aber nicht allein. Und außerdem wie schon gesagt, ein kleiner Knopfdruck und schon kann man mit den Menschen in Deutschland quasi von Angesicht zu Angesicht reden.

Angst von zu vielen Menschen umgeben zu sein, ohne wirklich von ihnen umgeben zu sein.

Natürlich ist das Gefühl manchmal da. Manchmal sitzt man im Speisesaal in der Schule, alle Stimmen und Musik verschwimmen zu einem Brei, der Blick driftet irgendwo hin ab und man fühlt sich ganz ganz klein. Ein bisschen wie Sophie in Mamma Mia (Szene anschauen hier, ich meine nicht den Teil, wo mir drei Leute erzählen, dass sie mein Vater wären, sondern dass sich alles um einen herum dreht und man schlussendlich auf den Boden klatscht). Aber in den Momenten braucht es normalerweise nicht länger als eine knappe Minute, bis einer meiner Freunde mich antippt und fragt, ob alles okay ist und das holt mich eigentlich immer zielsicher aus diesem Gefühl wieder raus.

Angst, dass Gefühl von Fremde nicht loszuwerden.

Stockholm fühlt sich inzwischen genau so sehr nach Heimat an, wie Braunschweig. Völlig egal, wo ich später mal wohne, ein Teil von mir wird immer in Stockholm bleiben und still und leise „Hem till Stockholm“ von Mauro Scocco singen.

Angst, zurück zu kommen und Schweden mehr zu vermissen als gesund ist.

Die Angst ist völlig berechtigt und ist noch viel stärker, als ich dachte, dass sie werden könnte. Aber komischerweise kann ich das doch die meiste Zeit ausblenden und irgendwie im hier und jetzt leben.

Angst davor, vor Angst blind zu werden.

Berechtigte Angst, aber nicht zutreffend. Ich bin glücklicher und freier, als ich wahrscheinlich jemals war. Das einzige, was mir in der Hinsicht Angst macht, ist zuzusehen, wie ich selbst mich verändere. Ich bin kein Mensch, der mit Veränderungen besonders gut klarkommt. Aber irgendwie hab ich das Gefühl, ich geh hier nicht allein durch, und das hilft immens!

Bis dann und wann, Jenna

 

Autor: jenthehitchhiker

Hi, ich bin Jenna, 16 Jahre alt und habe nicht halb so viel Ahnung vom Leben wie ichs gerne hätte. Außerdem ist hier ein schwedischer Zungenbrecher: "Sju skönsjungande sjuksköterskor skötte sjuttiosju sjösjuka sjömän på skeppet "Shanghai"."

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