(23.12.2018) Gedichte Volume Zwei (+ Gedanken zur Weihnachtszeit)

Es ist der Tag vor Weihnachten und auch wenn man glaubt, man wäre fertig mit allem, fällt einem dann auf, was eigentlich noch alles fehlt.

Also hopp, hopp ab in die Stadt und noch mal ne Ladung Bastelkram kaufen, die Gedichte müssen ja auch hübsch am Geschenk angebracht werden. Ich danke Gandalf für die Erfindung der Akademiebokhandeln, denn auch wenns da wahrscheinlich sogar für schwedische Verhältnisse ziemlich teuer ist, kriegt man da immerhin alles. Also wirklich alles.

Ausgestattet mit allem, was ich irgendwie brauchen könnte, war ich dann ne Stunde später auch wieder zuhause und hab mich irgendwie in meinem Zimmer verbarrikadiert.

Am späten Nachmittag saß ich dann also vor einem Stapel schnieker Weihnachtsgeschenke.

Ansonsten kam der britische Besuch wieder und mit dem ists ja sowieso immer nett.

Ansonsten will ich einfach mal – so kurz vor Weihnachten – ein paar Sachen loswerden.

Ich hab ja oft zu viel Zeit zum Nachdenken und das ist ja oft nicht so per se optimal für mich. Also ehrlich gesagt denke ich auch zu viel, wenn ich keine Zeit hab. Dann nimmt mein Kopf sich nämlich einfach Zeit und selbst wenn er sie dadurch kriegt, dass er meinen ganzen Körper außer Gefecht setzt und mich ein paar Tage ins Bett steckt. Kenn ich alles schon.

Aber eins ist mir auch aufgefallen; nämlich dass das seit ich in Schweden bin immer seltener passiert.

Ich hab viel und lange drüber nachgedacht, woran das jetzt genau liegt und bin nicht wirklich zu irgendeinem eindeutigen Schluss gekommen.

Vielleicht ist es, dass ich mich in der Schule nicht mehr um Noten sorgen muss, das heißt, dass da viel weniger Stress ist. Andererseits gehe ich sowieso so viel lieber zur Schule, denn mich erwartet keine Klasse, die mir eh den letzten Nerv raubt.

Ich weiß, dass man sowas nicht machen soll. Schlecht über irgendwas reden, nur weil man jetzt weg ist. Ganz besonders vorsichtig sollte man damit sein, wenn man irgendwie wieder dahin zurück muss.

Aber am Ende ist das hier mein Blog und es sind meine Gedanken und ich will ehrlich mit mir selbst sein.

Ich weiß nicht, wann der letzte Tag in meinem Leben war, wo ich morgens aufgewacht bin und mir gedacht hab „Jippie, Schule!“

Ich hab aber ehrlich gesagt nicht geglaubt, dass irgendein Schüler das jemals sagt. Falsch gedacht, denn mir ist aufgefallen, dass ich morgens immer noch mit einem klssischen „Bäh“-Gefühl aufwache, aber das einzige Problem ist die Tatsache, dass es 7:15 ist und ich aufstehen muss und nicht die Tatsache, dass ich zur Schule muss.

Glaubt mir, ich wär in Deutschland auch um vier aufgestanden, hätt ich dafür nicht zur Schule gemusst.

Ich möchte an dieser Stelle nicht versuchen, meine Schule schlechtzureden! Ich hab dort meine besten Freunde kennengelernt (die Lilli Fee und den Kampfkarpfen) und ich hab unglaublich viel gelernt.

Ich bin hier in Schweden glücklicher als ich jemals zuvor und irgendwie bin ich ein bisschen zu dem Schluss gekommen, dass Deutschland mich krank gemacht hat. Ich hab aufgehört zu zählen, wie viele Tage ich gefehlt hab und wie viele Klassenarbeiten ich nachgeschrieben hab. Ich war im Kopf sowie körperlich völlig im Arsch.

Ich weiß nicht genau, was hier so anders ist. Vielleicht ist es das Klima in der Schule, denn die Leute hier scheinen wirklich lernen zu wollen und machen tatsächlich das, was die Lehrer sagen. Das Notensystem nimmt einen so ziemlich allen Druck von den Schultern und sie beweisen wirklich eindrucksvoll, dass mit Regeln und Verboten um sich zu schmeißen auch nicht die Lösung ist.

Ich war am Anfang wirklich verwirrt, ob das denn wirklich so gut ist, wenn Handys im Unterricht nicht verboten werden, wenn Hausaufgaben nicht strikt kontrolliert werden und wenn Prüfungstermine in der ganzen Klasse diskutiert werden, anstatt bloß festgelegt.

Ja, es funktioniert.

Hier herrscht ein Klima von „Jeder funktioniert in seinem eigenen Tempo und das ist okay“ anstatt von Deutschlands geliebten „Das hier sind unsere Erwartungen, hopphopp vollfüllt sie“ und die Schüler lernen trotzdem. Ich hab so viele Leute mit unterschiedlichsten Geschichten getroffen und das System gibt ihnen die Möglichkeit, den Weg zu gehen, der für sie selbst funktioniert, ohne dass man sich dabei verurteilt führt.

Ich hab schon so einigen Leuten in Deutschland versucht, das zu erklären, aber alles was ich gehört hab, war „aber das geht doch in Deutschland auch“. Entschuldigt meine Wortwahl, aber das ist bullshit!

Hier ist es okay zu sagen „I took a year off for my mental health“, sprich, ich hab einige Menschen getroffen, die in der Mitte ihrer Gymnasiumslaufbahn ein Jahr Pause gemacht haben, zuhause gewesen sind erstmal ihren Kopf geordnet haben und das ist hier nicht komisch, niemand guckt schief und am allerwenigsten wird man hier dafür verurteilt.

Schweden ist ein Land, in dem es gesellschaftlich okay ist, nicht okay zu sein. Hier lacht keiner beim Wort „Burn Out“, niemand unterstellt irgendwem, Depressionen als Ausrede für irgendwas zu benutzen und was auch immer du bist, was auch immer du machst und wie auch immer du aussiehst, es ist okay.

Ich hab oft an meine Klasse in Deutschland gedacht, speziell an ein besonderes Individuum, welches ein anderes Individuum gerne gepiesackt hat. Irgendwann wurde dieser Mensch dann gefragt „Sag mal, würdest du wollen, dass jemand das mit dir macht?“, er antwortete schulterzuckend mit „Nein“ und die darauffolgende Frage „Und warum machst du’s dann trotzdem?“ wurde bloß mit weiterem Schulterzucken und „Is‘ halt witzig“ kommentiert.

Das ist etwas, was hier niemals passieren würde, denn die gesamte Mentalität der Menschen ist komplett anders. Man fühlt sich einfach freier.

Ich weiß nicht mehr genau, wie dieses komische Sprichwort geht, irgendwas mit „Man merkt nicht, wie gut man es hatte, bis es dann weg ist“, aber ich würds gern umdrehen. „Man weiß nicht, wie grottig alles war, bis man merkt, wie schön es sein kann“.

Natürlich war nicht alles schlecht, das wär ne große Lüge.

Aber Kunst, Sport, WuN und Chemie waren so ziemlich die einzigen Fächer, die ich gern gehabt hab und auch nur, weil ich so viel Spaß dran hatte, dass das Gefühl vom Verurteiltwerden, dass in meinem Kopf festsaß, irgendwie übertrumpft wurde, vom Gefühl der puren Freude und des Spaßes am Thema.

Gefühlt stand ich am Ende des letzten Schuljahrs kurz vorm Nervenzusammenbruch, es hat dann auch super geholfen, mich noch monatelang mit einem Buch über Selbstmord beschäftigen zu müssen.

Es klingt alles etwas traurig, aber ich will nichts so wenig, wie zurück nach Deutschland.

Anyway.

Bis dann und wann, Jenna

 

Autor: jenthehitchhiker

Hi, ich bin Jenna, 17 Jahre alt und habe nicht halb so viel Ahnung vom Leben, wie ichs gerne hätte. Außerdem ist hier ein schwedischer Zungenbrecher: "Sju skönsjungande sjuksköterskor skötte sjuttiosju sjösjuka sjömän på skeppet "Shanghai"."

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