(26.04.2019) Die letzte Sportstunde in Schweden

Irgendwie ist das minimal deprimierend, auch wenn Sport hier nicht gerade mein Lieblingsfach ist.

Die nächste Woche haben wir Theorie und alle Freitage danach haben wir entweder Projekttage oder es fällt aus anderweitigen Gründen aus. Dementsprechend war heute morgen der letzte Morgen, an dem mich der Bus raus zur Uni gebracht hat, wir in diesem gigantomanischen Sporthallenkomplex rumgerannt sind und danach alle zusammen zurück zur Schule sind, nur um viel zu spät Mittag zu essen und dann halb tot irgendwo zu liegen.

Im Endeffekt haben wir nämlich genau das gemacht, machen wir ja immer.

Melancholisch ist glaube ich das falsche Wort, aber irgendwas macht das mit mir.

Vielleicht sollte ich weniger dramatische Musik hören (En ton av tystnad / deutsche Übersetzung), aber das ist son Gefühl ganz ganz tief in mir, ich weiß nicht, ich könnte jetzt große Bilder mit Worten malen, versuchen, das irgendwie in Worte zu fassen, aber ich will nicht. Ich will nach dem Gefühl nicht graben, nur ums dann in den Händen halten zu können, ich will nicht, dass es stärker wird, ich will nicht, dass die Zeit der letzten Male anbricht.

Ich hatte früher ein Lieblingsbuch, „Lou und Lakritz“, darin gings um ein Mädchen, die mit ihrer Familie aus Hamburg raus, quer durch die Bundesrepublik und raus aufs Land gezogen ist und in den ersten Kapitel hat sie über ihre „Woche der letzten Male“ geschrieben und irgendwie verfolgt mich dieses Bild, seitdem ich acht bin.

Das ist gar nicht unbedingt was schlechtes, bei ihr ging auch alles gut aus und das wird es für mich auch, das weiß ich, das wusste ich damals, bevor ich nach Schweden gezogen bin, und das weiß ich auch jetzt, wo ich doch bald zurück nach Deutschland muss. Also bald ist noch fast zwei Monate hin, aber trotzdem.

„Någon skriver ord som aldrig blir till
Sång, någon gång
Blir de en ton av tystnad“
– Frida / En ton av tystnad
„Jemand schreibt Wörter die niemals werden zum
Lied, irgendwann
Werden sie ein Ton der Stille“

Ich wollte die Zeilen hier einfach mal hinschreiben, weil sie irgendwie in meinem Kopf festkleben.

Ich weiß nicht wie eigenartig das für alle klingt, die nur meinen Blog lesen und nicht in meinem Kopf wohnen, denn schließlich schreibe ich och irgendwie fast jeden Tag, dass mein Kopf wehtut, dass mein Körper aufgibt, dass ich fertig bin, dass was auch immer nicht ganz so läuft, wie es soll, aber die Tatsache, dass ich darüber schreibe, bedeutet, dass es mir so viel besser geht als zuhause in Deutschland.

Ich rede nämlich nicht gern über mein Innenleben. Ehrlich gesagt ist es normalerweise eins der Dinge, die ich am beschissensten und frustrierendsten von allen finde. Ehrlich. Oft würde ich lieber weglaufen als mich zu erklären. Ich glaub aber, dass es vielen Menschen so geht.

Ich hab Angst davor, zurück nach Deutschland zu gehen. Nicht, weil es so schrecklich ist, sondern einfach weil ich nicht zurück in das Leben, dass „Mindset“, dass ich irgendwo am Flughafen abgeschüttelt hab, ich will das nicht wieder. Ich will nicht in meine alten Muster zurück.

Ich hab mein dickes Fell abgelegt, weil es mich eingeengt hat. Hier brauche ich mein Fell nicht. Kein Mensch hier lässt irgendeine Art von Kommentar zu Aussehen und Verhalten ab, niemand hinterfragt meine Entscheidungen und ich hab auch aufgehört, alles in Frage zu stellen.

Irgendwann ist mir aufgefallen, dass ich ganz nebenbei gelernt hab, auf mich zu hören, und mich nicht mehr innerlich zur Sau zu machen, dass ich nicht mehr unter fiesesten Schmerzen daliege und mich frage „Ja aber ist das hier nicht eigentlich aushaltbar und du bist bloß ne elende Mischung aus Dramaqueen und Weichei?“

Ich hab gelernt dass es okay ist zu sagen „Okay, ich funktioniere heute nicht und das ist okay. Vielleicht morgen“. Kein Lehrer hinterfragt das, niemand unterstellt einem, dass man einfach bloß keine Lust auf Schule hätte und man muss nicht erst noch los ins Sekretariat, wo man im besten Fall noch ins Kreuzverhör gerät und sich dann obendrauf noch beschissener fühlt, dafür, dass man einfach nicht funktioniert.

Ich will einfach bloß nicht zurück in alte Muster fallen.

Ich hab das verscht, jemandem in Deutschland zu erklären und im Endeffekt hab ich als Antwort ein „Ja aber du hast doch jetzt gelernt, wie man sowas sagt, du musst doch nur die Gedanken beibehalten“ gekriegt. Da liegt doch aber genau das Problem.

Ich hab mich verändert, hab Dinge gelernt, Wege gefunden, weil meine Umgebung, die Menschen, alles drum herum mir die Möglichkeit, die Freiheit gegeben hat. Ich bin ein anderer Mensch. Aber Deutschland und die Menschen da, die haben sich auf anderem Wege verändert, und manche Dinge verändern sich nie, wenn man nicht aus seiner gewohnten Umgebung rauskommt. Es gab viele viele Gründe, warum ich war, wie ich war, heute vor einem Jahr und ich glaube nicht, dass sich viele dieser Dinge verändert haben. So sehr ich mir das auch wünsche.

Ich kann vor Tränen kaum noch tippen, ich hör jetzt auf zu schreiben.

Bis dann und wann, Jenna

Autor: jenthehitchhiker

Hi, ich bin Jenna, 17 Jahre alt und habe nicht halb so viel Ahnung vom Leben, wie ichs gerne hätte. Außerdem ist hier ein schwedischer Zungenbrecher: "Sju skönsjungande sjuksköterskor skötte sjuttiosju sjösjuka sjömän på skeppet "Shanghai"."

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s