(28.04.2019) Once again

Ich dachte, ich könnte mir heute mal wieder meinen alten Blogpost vornehmen, also den von vor der Abreise, da wo ich über all die Dinge geredet hab, vor denen ich Angst hab. Ich hab den ja schon mal auseinanderklamüsert, aber ich glaube seitdem hat sich doch einiges verändert.

Here we go.

Angst, dass mein Schwedisch nicht reicht.

Witzig. Ich bin jetzt seit acht Monaten hier und ich kann ne flüssige Konversation haben, ich kann meine Aufsätze auf Schwedisch schreiben und ich kann (hoffentlich, das sehen wir nächste Woche) auch meine Vorträge auf Schwedisch halten. Inzwischen ist es mir unangenehmer im Laden Englisch zu sprechen, als wenn ich Schwedisch spreche, einfach weil sich Englisch für meinen Kopf falsch anfühlt.

Angst, von Fettnäpfchen in Fettnäpfchen zu stolpern.

Öhm… ich fühl mich 1A integriert und meine Freunde haben mich so sehr eingemeindet, dass sie mich inzwischen mehr so als quasi-Schweden sehen (zumindest was Popkultur-Wissen angeht, haha) und ich kann mich tatsächlich nicht erinnern wann ich das letzte Mal in irgendein Fettnäpfchen getreten bin.

Angst, meiner Gastfamilie auf die Nerven zu gehen.

Also vielleicht gehe ich ihnen auf die Nerven, aber nicht unaushaltbar doll und ein bisschen ist das auch beidseitig… auch wenn ich ihnen noch immer unendlich dankbar bin, dass die mich aufgenommen haben.

Angst, keinen Anschluss zu finden.

Lustig. Ich setz hier mal ne Bildercollage rein, die sagt wahrscheinlich mehr als Worte.

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Also entgegen dem, was der Snapchat Filter da oben links im Bild mir ins Gesicht schreibt hab ich die besten Freunde, die sich irgendwer wünschen kann. Also noch viel besser. Das sind Menschen, die mich nach der Schule bis an die Wohnungstür bringen damit ich auch wirklich da ankomme, Menschen die ich nachts um drei anrufen kann, Menschen, die mich besser kennen als jeder andere Mensch zuvor. Menschen, die mir alle Freiheit der Welt geben und doch die, die mich mit beschützenden Armen festhalten. Ich liebe diesen Haufen Idioten mehr als irgendwelche Worte jemals beschreiben könnten.

Angst, den Erwartungen nicht zu entsprechen.

Die einzigen Erwartungen den ich eventuell nicht entsprechen könnte, sind meine eigenen… und das ist nun wirklich nix neues. Ich würde gern große Reden schwingen, aber jetzt gerade zieht der Stress an und die einzigen Erwartungen denen ich nicht entspreche sind meine eigenen und sich da irgendwelche Motivationsreden aus den Fingern saugen ist schwierig. Aber hey, wenigstens war die Angst unbegründet.

Angst, irgendwelche organisatorischen Dinge zu versauen.

Ach, schlimmer als in Deutschland ists auch nicht und ich glaub ich bin tatsächlich ein bisschen besser darin geworden, meine Termine im Blick zu haben.

Angst, Dinge hier in Deutschland zu verpassen.

Deutschland scheint so weit weg und ich weiß nicht, bis auf einzelne Geburtstage und besondere Events (Kunsttage, die Jugendweihe und co.) ist eigentlich nicht schrecklich viel da, bei dem ich Angst hab, dass ichs wirklich verpassen könnte.

Angst, dass Menschen hier für immer von mir gehen, denen ich nicht tschüss sagen konnte.

Ai. Schwieriges Thema, aber alle Beteiligten schlagen sich gut und wir halten alle zusammen durch.

Angst, dass mir in Schweden was passiert und niemand da ist.

Passieren kann mir natürlich was, aber allein wär ich im Leben nicht. Manchmal liege ich nachts im Bett, weil ich nicht schlafen kann, weil sich mein Kopf so dreht und dann sitzt man da, tränenüberströmt und man fühlt sich allein, einfach weil man natürlich physisch allein ist und man das Gefühl hat, dass niemand seine innere Panik nachvollziehen kann und dann ist da dieses Gefühl von Isolation. Die Realität ist aber – und daran  muss man sich dann mit aller Kraft erinnern (auch wenns manchmal nicht so ganz klappt) – dass die besten Freunde (und ja auch die Familie zuhause) nur einen einzelnen Anruf weit weg sind.

Angst, dass mich der Inhalt meines Kopfes auffrisst.

110% ja. Wer meinen Blog in den letzten Wochen gelesen hat weiß, dass genau das grade passiert. Aber hey, wird schon. Bis jetzt hab ich allen Mist irgendwie durchgehalten und auch wenns sich grade extra scheiße anfühlt, seh ich keinen Grund, warum genau das hier jetzt das Ende aller Dinge sein soll. Auch wenn mein Gehirn diesem Gedanken manchmal noch nicht ganz Glaube schenken will.

Angst, dass mich das Heimweh packt.

Nope. Wir leben im Zeitalter der modernsten Technik und wenn grad alles scheiße, alles episch oder irgendwo genau in der Mitte ist, kann ich die Menschen zuhause immer anrufen und das verhindert eigentlich jede Art von Heimweh.

Angst, in der Schule hier nicht wieder reinzukommen.

Da die schwedische Schule grade verdammt doll anzieht, glaub ich, dass ich eigentlich ganz gut vorbereitet bin, grade in meinen Leistungskurs-Fächern (aka Mathe, Chemie und Englisch).

Angst, dass die Schule in Schweden zu schwer ist.

Inzwischen eine berechtigte Angst, allerdings trägt der Fakt, dass ich eben genau auf der Schule bin, auf der ich bin, gigantomanisch doll dazu bei. Diese Schule hat nämlich eine Einstellung von wegen „Ach, unsere Schüler packen das schon“ und dann kann man uns auch mal so etwa zehn Prüfungen (ein paar davon auch mal gerne vier Stunden lang und über den Inhalt des gesamten Buches) in knapp einen Monat drücken. Klar. Tötet uns halt. Wir sehen auch überhaupt nicht aus wie die letzten Zombies.

Angst, allein zu sein.

Unbegründet. Hochgradig unbegründet. Auch wenn ich manchmal gern allein bin (wenn ich durch die Weltgeschichte laufe), so sind meine Freunde (und allen voran Tara) immer da. Auch wenn mein Kopf mir manchmal, in dunklen Zeiten, ganz tief nachts, das Gefühl geben will, dass ich allein wär, so weiß ich doch, dass ichs nicht bin (denn meine Familie und Freunde zuhause in Deutschland hab ich ja obendrauf auch noch).

Angst von zu vielen Menschen umgeben zu sein, ohne wirklich von ihnen umgeben zu sein.

Ich verstehe, wo die Angst herkommt, und das Gefühl ist definitiv da, zumindest jetzt, in dieser letzten Wochen. Wenn dem Kopf dann irgendwie wegdriftet (oder was auch immer die deutsche Übersetzungen von to space out ist) und man dann fühlt, dass man lacht, dass man nickt, dass man redet, dass man gestikuliert, aber irgendwie steckt man nicht richtig drin. Es fühlt sich an als würde die Kamera von Egoperspektive zu third person wechseln und plötzlich guckt man sich selbst beim handeln zu. Ich weiß nicht ob jemand jemals dieses Gefühl gehabt hat, aber es ist strange. Es ist als ob man ein Live-Video seines Lebens guckt und genau das ist dann der Moment, wo man zwar objektiv von Menschen umgeben ist, aber irgendwie auch nicht wirklich.

Angst, dass Gefühl von Fremde nicht loszuwerden.

Das hier ist meine Heimat und das Gefühl kann mir so einfach auch niemand mehr nehmen.

Angst, zurück zu kommen und Schweden mehr zu vermissen als gesund ist.

Das wird zu 110% passieren und ich hab Angst davor.

Angst davor, vor Angst blind zu werden.

Jup. Berechtigt. Aber ich geb mein Bestes, nicht unnötig in Panik zu verfallen. Mir fallen die Haare eh schon aus, ich seh aus, als hätte ich die gottverdammten Masern und argh. Ne, keine unnötige Panik bitte.

Das wars für heute.

Bis dann und wann, Jenna

Autor: jenthehitchhiker

Hi, ich bin Jenna, 17 Jahre alt und habe nicht halb so viel Ahnung vom Leben, wie ichs gerne hätte. Außerdem ist hier ein schwedischer Zungenbrecher: "Sju skönsjungande sjuksköterskor skötte sjuttiosju sjösjuka sjömän på skeppet "Shanghai"."

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