(02.05.2019) Ihr könnt mich mal mit eurer Physikprüfung

Aber hey, der erste Punkt auf der Tagesordnung war ja meine Rede in Schwedisch.

Und so sollte es sein. Ich mag das, wie meine Lehrerin das macht. Wir dürfen uns die Reihenfolge selbst aussuchen, aka sie sagt dann halt „Schreibt euch an die Tafel“ und je nachdem wie schnell man halt nach vorn läuft, kann man sich dann halt auch weiter oben auf die Liste setzen.

Ich hab mich als Vierte eingeschrieben, einfach weil ich mir doch eventuell ein paar einzelne Menschen anhören wollte, aber nicht alle, denn ich wollte nicht all meine Zuversicht zerstören.

Und irgendwann war es dann so weit, ich bin mit meinem Laptop nach vor gelaufen, bin wieder zurück zu meinem Platz, hab mein Plüschfaultier aus meiner Tasche gekramt, hab auch das auf den Tisch gesetzt und hab schließlich ein Vorhängeschloss an die Wand projiziert.

Und dann ist was schönes passiert. Mir ist der Gedanke gekommen „Alter, Jenna, keine Sau denkt über Vorhängeschlösser nach, oder darüber, warum man sie huldigen sollte. Du hast ganz objektiv mehr Wissen als sie“. Und so hab ich einen letzten Blick auf meinen Zettel geworfen, hab hochgeguckt, hab den Blick meiner Lehrerin gesucht und bin – selbstsicherer als ich es von mir selbst gedacht hätte – auf das Bild eines Vorhängeschlosses zugelaufen.

Irgendwann am Ende der Einleitung ist mir aufgefallen, dass meine Hände doch wieder Zittern und so hab ich den Zettel einfach fest in beide Hände genommen, ein „Ja, då går vi vidare“ eingebaut, um mir selbst Zeit zu geben, mich mal kurz zu sammeln und hab dann schlussendlich den Zettel einfach runtergenommen. Ich kann meinen Text doch eigentlich.

Nicht, dass mich Vorhängeschlösser besonders interessieren, aber ich bin tatsächlich stolz auf die Rede, die ich geschrieben hab und der Stolz reichte aus, um mir die Rede ins Gehirn zu brennen. Die Rede war etwas, was ich gerne erzählen wollte, etwas, wo ich sagen konnte „Hey guck mal, guck mal was ich kann. Guck mal, ich hab ne neue Sprache gelernt“ und scheiße man, das hilft verdammt doll.

Und als das „Iallafall“ kam, das den letzten Paragraphen eingeleitet hat, da hab ich gespürt, das mein Herzschlag wieder langsame wurde. Ich glaub am heutigen Tag hab ich was für die Zukunft gelernt.

Vor allem hab ich gelernt, dass ich aufpassen muss, irgendwas in meinem Leben zu machen, was mich begeistert. Ich kann mich durch so gut wie alles irgendwie „durchbullshitten“, aber wenn ich will, dass es gut wird, dann muss ich was machen, auf das ich stolz bin, bei dem ich will, dass Menschen es sehen.

Unsere lehrerin meinte, dass sie die Noten noch heute auf Schoolity stellt.

Und so saßen wir beim Mittagessen und ich wär vor Glück fast vom Stuhl gefallen.

Screenshot_20190506-023201.jpg

Da in der Mitte, da steht Grade: A und ich kann nicht in Worte fassen wie sich das anfühlt. Ich mein. Also. Ich bin erst seit acht Monaten hier. Und jetzt. Und. Und. Und. Ach man. „Gut aufgebaute Rede, guter Augenkontakt, relevante Information, deutliche These, gut untermauerte Argumentation. Denk an eine Sache: Sprich langsamer“

Das war glaub ich der Selbstbewusstseinsschub, der mich schlussendlich durch diese beschissene Physikprüfung gebracht hab.

Nationale Prüfung Physik. Ihr könnt mich alle echt mal.

Erstmal war der Physikraum komplett blickdicht abgeriegelt, sodass bloß niemand reingucken konnte. Natürlich haben nicht alle 80 Schüler (oder wieviele auch immer grade Physik 1 haben) gleichzeitig in den Raum gepasst, deswegen wurden wir in 30-Minuten-Intervallen da durchbefördert.

Ich war in der ersten Gruppe und dann kommt man da also rein, jeder sucht sich seinen „Laborplatz“, aka eine kleine ebenso blickdicht abgeriegelte Kabine, die Taschen werden in den nebenraum gebracht und dann hat man dreißig Minuten Zeit.

Das war eigentlich überhaupt kein schwieriges Thema, es gab nur irgendwie keine richtigen Anweisungen und keine richtige Fragestellung sondern nur ein „Diskutiere die Versuchsergebnisse inklusive Fehlerquellen“. Toll.

Schiebt euch eure Gewichtskraft, Zugkraft und Reibung sonstwo hin.

Nach den dreißig Minuten, in denen wir Zugang zur Messausrüstung hatten (ich hab so etwa 12 gebraucht, es schien mir nicht besonders kompliziert, mal kurz zehn Messwerte zu sammeln und für mehr hatte ich außerdem keine Nerven), mussten wir in den Nebenraum, wo dann unsere 50 Minuten Schreibzeit anfingen.

Nachdem die vorbei waren, hatte ich den Wunsch die Erfinder  von Excel persönlich zu erwürgen, die können mich alle mal kreuzweise.

Danach mussten wir alles digital abgeben und dann unter Aufsicht eines Prüfers alle Daten von der Festplatte, von Drive, und aus beiden Papierkörben löschen.

Und danach durften wir noch ne halbe Stunde in Isolation sitzen. Wir haben uns geeinigt, kein einzelnes Wort über diese dämliche Prüfung zu verlieren. Kein einziges.

Tara und ich sind danach straight zu Coop, wir wollten Eis. Das war das einzige, was den Schmerz der Physikprüfung irgendwie lindern könnte.

Und so saßen wir am Küchentisch, völlig erschlagen, und philosophierten über E. coli Bakterien im Mehl. Nein wirklich, genau das war unser Gesprächsthema.

Irgendwann haben wir uns dann in mein Zimme verkrümelt und irgendwann kam dann der Kiwihüter dazu. Und während ich da so auf Taras Beinen lag, bin ich einfach eingeschlafen. Manchmal ist das so, das hat Tara auch gesagt.

Schlussendlich hab ich Tara dann später zur U-Bahn gebracht und danach bin ich in die Stadt, denn auch wenn ich morgen ne Englischprüfung schreibe, ist trotzdem Harry Potter Tag in der Schule.

Ich hab also noch eine Krawatte und Malfoys Zauberstab besorgt und bin danach, nachdem ich noch mit Mama geskypt hatte, ins Bett gefallen.

Bis dann und wann, Jenna

 

Autor: jenthehitchhiker

Hi, ich bin Jenna, 17 Jahre alt und habe nicht halb so viel Ahnung vom Leben, wie ichs gerne hätte. Außerdem ist hier ein schwedischer Zungenbrecher: "Sju skönsjungande sjuksköterskor skötte sjuttiosju sjösjuka sjömän på skeppet "Shanghai"."

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