(06.05.2019) Karierte Blümchen

Also wirklich, denn ich konnte ausschlafen.

Die Hälfte der Klasse hat ihr Geschichtsseminar (aka die letzte „Klassenarbeit“) diese Woche, die andere Hälfte erst nächste Woche. Ich für meinen Teil bin nächste Woche dran und musste somit theoretisch nicht vor 13:25 in der Schule sein.

Theoretisch, denn trotzdem will man ja Mittag mit seinen Freunden essen und außerdem mussten Linn und ich uns endlich treffen um die restlichen Requisiten fürs Theaterstück zu besprechen.

Und dann kam der lustige Moment. Der Moment wo ich mitten im Deutschunterricht in meine Mails guckte und mir eine Mail mit dem Betreff „69 Lovesongs – Kostym“ ins Auge stach. Mit dem exakten gegenteil von anticipation hab ich also das Dokument im Anhang der Mail geöffnet und hab festgestellt, dass mein werter Charakter soll eine karierte Hose und ein geblümtes Oberteil tragen. Wer zur Hölle hat denn solche Klamotten im Schrank? Und selbst wenn man sowas hat, Blumen und kariert schreit jetzt nicht grade nach der perfekten Kombi.

Und so hab ich Tara nach dem Unterricht abgepasst und sie war Feuer und Flamme mitzukommen.

Ich hab meine verbleibenden zweieinhalb Gehirnzellen angestrengt und festgestellt, dass meine besten Chancen wahrscheinlich wirklich Secondhandshops sind. Zum Glück hat Stockholm ja Södermalm, das Hipsterviertel (wie ichs gern nenne) und das ist komplett voll davon.

Tatsächlich hab ich ne Hose schon im allerersten Laden gefunden, und auch wenn ich rückblickend betrachtet unglaublich froh bin, dass ich die Hose mitgenommen hab, wundert mich die Tatsache, dass ichs getan hab doch etwas. Ich fand sie da nämlich eigentlich nur mitgenommen weil mein pessimistisches Hirn nicht geglaubt hat, dass ich was besseres kariertes finde.

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Wir denken uns dieses furchtbare Hemd fürs erste einfach mal weg. Genauso wie die Tatsache, dass ich die Hose hinten mehr so zusammenhalte weil sie am Bund viel zu weit ist.

Dann wurde alles erst richtig lustig, weil irgendwas geblümtes zu finden was zu einer rötlich-braun-karierten Hose passt (und obendrein noch zum Stil meines Charakters) ist… schwierig!

Auf dem Weg haben wir noch ein paar schmerzhaft billige Schallplatten besorgt (schmerzhaft weils mir im Herzen wehtut, dass Platten zu solch Preisen rausgeschmissen werden), wir brauchten noch viel mehr fürs Theaterstück als ich zuhause rumliegen hatte.

Wir sind dann also ein bisschen mehr durch die Gegend gewandert und mir ist mal wieder aufgefallen, wie unglaublich wunderschön so ungefähr jeder einzelne Teil von Stockholm ist.

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Schlussendlich sind wir in nem Laden gelandet, der sich ein bisschen angefühlt hat, als wären wir ne Treppe in ne andere Dimension runtergelaufen.

An Blümchen hats nicht gemangelt, aber genauso gut hätte ich da auch ballonseidene Trainingsanzüge aus den 70ern kriegen können, Kimonos oder auch irgendwas, was wie ein tragbarer Orientteppich aussah.

Schlussendlich hab ich dann tatsächlich was gefunden, was zwar so null nach Jenna aussieht und mich majorly uncomfortable macht, aber hey, bin ja nicht ich sondern D.Ä.

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Und oh, welch Wunder, die Hose sieht nicht mehr aus wie ein Sack.

Einfache Erklärung:

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Nachdem ich die Hose nen Nachmittag mit mir rumgeschleppt hatte, ist sie mir tatsächlich ans Herz gewachsen und ich war plötzlich fest entschlossen sie passend zu machen.

Mein Gastvater hat mir die über 40 Jahre alte Nähmaschine vom Dachboden gekramt und ich hab hab dann erstmal den Küchentisch blockiert.

Ich hatte kurz vergessen, dass ich von Nähen eigentlich keine Ahnung hab. In meinem Kopf hing noch ein „Och joa, Oma hat mir doch mal beigebracht, wie man so ne Nähmaschine benutzt“, was mir entfallen war, war, dass das etwa 10 Jahre her ist und ich nie besonders gut im Nähen war.

Aber die Tatsache, dass ich das vergessen hatte, gekoppelt mit dem Fakt, dass ich in letzter Zeit viele historische Nähtutorials geguckt hab, hat dafür gesorgt, dass ich nicht mal in Frage gestellt hab, dass ich ne Hose passend nähen kann.

Ich hab dann also brutal den Reißverschluss rausgerissen (ernsthaft, ich hab kleine Schnitte in die Naht gemacht und dann ganz am Ende einfach gewaltsam am Reißverschluss rumgezerrt bis er draußen war) und dann hab ich die Nähte am Bein den halben Oberschenkel runter aufgetrennt, hab die Hose auf links angezogen, hab sie irgendwie in Form festgesteckt (und versehentlich auch an meinem Oberschenkel, aber hey) und hab sie dann, einfach weil ich der Nähmaschine nur so halb getraut hab, alles erstmal per Hand mit backstitches (was auch immer das auf Deutsch ist) zusammengenäht, bevor ich dann doch noch mal mit der Maschine drübergegangen bin, schließlich will ich die Hose ja mehr als einmal tragen und sie muss dementsprechend halten.

Die ganze Naht am Hosenbund hab ich auch aufgetrennt und enger gemacht und siehe da, am Ende hatte ich eine definitiv tragbare Hose, die etwa vier Millionen mal bequemer ist als jede Jeans die ich besitze.

Am Ende dieses Tages bin ich mehr so komaartig eingeschlafen.

Bis dann und wann, Jenna

Autor: jenthehitchhiker

Hi, ich bin Jenna, 17 Jahre alt und habe nicht halb so viel Ahnung vom Leben, wie ichs gerne hätte. Außerdem ist hier ein schwedischer Zungenbrecher: "Sju skönsjungande sjuksköterskor skötte sjuttiosju sjösjuka sjömän på skeppet "Shanghai"."

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