(07.06.2019) Familie T minus 7 Tage

Es ist strange. Es ist sehr strange.

Die Zeit rennt schneller davon, als mir lieb ist und es hilft auch kein Stück, wenn Menschen sagen „Aber du hast doch noch zweieinhalb Wochen, du fährst noch mit deinen Freunden weg, genieß doch die Zeit“. Ich weiß, es ist lieb gemeint, aber håll käften!

Ich hab das schon ein paar mal erklärt glaub ich, ich bin ein eigenartiger Mensch. Ich bin unfassbar ängstlich, aber die allergrößte Angst ist die, irgendwas zu bereuen, weswegen alle anderen Ängste dann in den Hintergrund gedrängt werden und ich so ziemlich alles irgendwie hinkriege.

Der Schritt um die Ecke herum, nach der Sicherheitskontrolle am Hannoveraner Flughafen war einer der grausamsten Schritte in meinem ganzen Leben (und ich danke der random Austauschschülerin, mit der ich auf dem Weg ins Gespräch gekommen bin dafür, dass sie mich abgelenkt hat), der erste Morgen am VRG war verbunden mit so viel Angst und flauem Gefühl im Magen.

Die Steintreppe hoch, übers Plateau, der Blick blieb kurz an der Büste von Viktor Rydberg hängen, die zweite Treppe hoch, vorbei am Zitat, dass ich noch nicht verstand in den rechten Korridor, die Augen an die Wand geheftet, OPL-310. Eine Ansammlung voller Menschen. Und dann auf sie zugehen, zu sagen „Hey, ich bin Jenna, ich bin Austauschschülerin und ich glaub das hier ist meine neue Klasse“, das war nicht besonders schön.

Ich hab mir ein paar alte Blogbeiträge durchgelesen und es ist eigenartig sie zu lesen. Die Art wie ich geschrieben hab, wie ich gedacht hab, wie ich Dinge wahrgenommen hab, all das liest sich wie die Geschichte von jemand anderem. Das war so weit von dem Menschen weg, der ich heute bin. Oder der ich schon immer war, irgendwo tief drin. Ich glaube inzwischen eigentlich, dass dieser Mensch schon immer irgendwo in mir drin war und ich ihn bloß nicht rausgelassen hab, weil ich nicht wollte, dass er verletzt wird, weil er zu zerbrechlich war. Der Mensch, der ich heute bin, der hätte nicht überlegt. Da ist es so viel einfacher ein neues Bild von sich zu malen, einen Charakter zu entwerfen und schwuppdiwupp kann dir niemand mehr wehtun.

Ich hab losgelassen. Ich hab ganz ganz vieles losgelassen. Dinge, an denen ich nicht festgehalten hab, weil sie gut waren, sondern bloß, weil ich Angst hatte, dass die Dinge, die danach kommen würden, eventuell bloß noch schlimmer werden würden.

Ich weiß noch, dass ich irgendwann im Oktober oder November letztes Jahr in der Schule einfach in Tränen ausgebrochen bin, weil ich bemerkt hab, dass sich da was verändert, also in mir, mit mir. Ich hab Panik gekriegt, wie immer, wenn ich mit Veränderung konfrontiert werde. Ich wollte das alles nicht, ich hatte Angst davor, in Deutschland nicht wieder reinzufinden, nicht wieder in das Bild zu passen, das ich zurückgelassen hab.

Inzwischen hab ich allerdings eins bemerkt; das Bild was ich da zurückgelassen hab, das sieht nicht mehr aus wie ich. Ich kann mich nicht mehr in die alten Denkmuster erinnern, ich hab die Geschichten, die ich mir ausgedacht hab, vergessen und all die Eigenschaften, die ich beschlossen hatte, mir zu geben, die sind längst verronnen.

Manchmal überlege ich, ob es anderen Austauschschülern genau so geht, ob sie auch so Gedanken haben. Ich weiß es nicht und ich will ehrlich gesagt auch nicht nachfragen. Ich will weder ein „Oh ja, ich fühle mit dir“, noch ein „Äh ne, sowas hab ich nie erlebt“. Ich will mich nicht vergleichen und ich will keine Meinungen hören.

Ab und zu denke ich drüber nach, wie sich mein Blog wohl liest, also für all die, die da zu Hause in Deutschland sitzen. Ob sie gar nicht mitkriegen, wie viel sich da in meinem Kopf getan hat, weil sie die Veränderung doch schleichend, Tag für Tag, miterlebt haben, irgendwie, oder ob sie sehr wohl sehen, dass der Mensch, der Mensch, der durch die Fluhafentür ging, nicht derselbe ist wie der, der in ein paar Tagen aus dem Wohnwagen steigen wird.

Ich wills auch gar nicht hören.

Ich will kein „Oh, du hast dich verändert“, „Deine Haare sind lang geworden und du trägst sie jetzt anders“, „Ach deine Ausstrahlung, sie ist jetzt so blablabla„, „Oh hast du zugenommen? Abgenommen? Keinen Sport getrieben?“, „Du wirkst jetzt so hierworteinfügen„, „Hast du nicht immer…“, „Warst du nicht sonst…“, „Aber früher hast du…“, „War das nicht sonst immer so, dass…“

Schnauze.

Tschuldigung.

Ich weiß, wie gemein das klingt, wie unhöflich, wie sehr man sowas nicht sagen soll, solche Sprüche sind doch „nicht so gemeint“. Weiß ich. Jeder von ihnen meints nur gut und sie machen doch bloß Feststellungen.

Mit sich selbst verglichen zu werden ist noch viel schlimmer, als wenn man mit anderen verglichen wird. Ich versuche hier was loszuwerden und ich bin auf dem besten Weg. Ich bin glücklicher so und ich will leben können, genau als der Mensch, ohne, dass jemand irgendwas hinterfragt.

Ist das zu viel erwartet? Wahrscheinlich. Darum bitten tue ich hiermit jetzt trotzdem.

Bitte lasst mich wachsen, mich als Mensch.

Bis dann und wann, Jenna

Autor: jenthehitchhiker

Hi, ich bin Jenna, 17 Jahre alt und habe nicht halb so viel Ahnung vom Leben, wie ichs gerne hätte. Außerdem ist hier ein schwedischer Zungenbrecher: "Sju skönsjungande sjuksköterskor skötte sjuttiosju sjösjuka sjömän på skeppet "Shanghai"."

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