(25.08.2018) Omas Streuselkuchen und das Dilemma mit der Hefe

Ich wollte eigentlich bloß Hefe kaufen gehen und dann dachte mein Kopf sich so „geh doch noch mal zu deiner Lieblingsbrücke“, und wie könnte ich da widersprechen?

Ja, ich habe eine Lieblingsbrücke, sie heißt Västerbrön, geht von Södermalm bis Kungsholmen und ist sehr schön.

Und wer kreuzt meine Pläne? Eine verdammte Demo, weil sich ein paar gewaltversessene rechte Spacken mit ihrem nicht grade friedlicherem linken Pendant kloppen wollen. Wobei die Demo an sich noch gar nicht im Gange war, sondern lediglich Polizisten die Komplette Straße gesperrt haben, und zwar richtig. Nur blöder Weise musste ich nun mal auf die andere Seite um zur Brücke zu kommen.

Tatsächlich hat man mich dann irgendwann ganz am unteren Ende, da wo auch noch die letzten Autos durchgelassen wurden, schnell durchschlüpfen lassen. Success!

Können wir an dieser Stelle nochmal kurz darüber sprechen, wie viel man von dieser Brücke eigentlich sehen kann? Windsurfer auf dem Wasser, kleine Boote auf dem kleinen Stück Gewässer wenn man über Långholmen hinweggelaufen ist, die alten Häuser, die irgendwie was Hanseatisches haben und so weiter und so fort.

Hefe hab ich dann auch noch gekriegt und dann fing das Dilemma an. Da merkt man erstmal, wie eingeschossen man in Deutschland auf Dr. Oetker ist. Das ist ja sehr schön, wenn das Rezept zwei Päckchen Trockenhefe haben will, aber hier gibt es lediglich Monsterpakete an Hefe und davon wollen sie sicherlich nicht zwei haben. Ja dann rechne mal um oder google mal, wie viel Hefe in in einem Dr. Oetker-Paket ist, das ist gar nicht so leicht zu finden.

Im Endeffekt ist es aber doch ein streuseliger Streuselkuchen geworden, den ich jetzt öfter backen darf.

Im Supermarkt hab ich übrigens fast einen Herzinfarkt bekommen. Da liegt eingeschweißtes Fleisch für über 500kr (50€) im Kühlregal. Jo what? Da kann einem auch mal kurz die Kinnlade runterfallen, immerhin sprechen wir hier über Supermarkt-Fleisch, nicht aus irgend einem Fachgeschäft oder sonstwas.

Gegen den Schock hat dann irgendwann aber Mission Impossible gucken geholfen.

Bis dann und wann, Jenna

(24.08.2018) Hier, nimm doch mal ein paar Bücher!

Das schwedische Schulsystem, da könnte ich mich ja jetzt schon ewig drüber auslassen.

Das einzige was ich jetzt grade allerdings loswerden möchte, ist, dass ich 3 Stunden gegen das starke Bedürfnis gekämpft habe, meine neue Mathelehrerin mit meinem Taschenrechner zu bewerfen oder ein bisschen zu erstechen oder so. Sie vereint alles in einem Menschen was mir endlos auf den Puffer geht und außerdem schlafe ich bei binomischen Formeln echt ein.

Bis auf diesen klitzekleinen, dauergrinsenden und sich selbst sehr tollfindenden Totalausfall, liebe ich diese Schule immernoch.

Da verbringt man dann auch einfach mal zwei Stunden damit in einem leeren Klassenraum zu sitzen und Musicals zu singen.

Bis dann jemand kam und meinte wir kriegen jetzt Bücher. Ich glaube ich sah glücklicher aus als der Rest, könnte aber auch daran liegen, dass ich glücklich über alles bin, was nicht mit diesem verdammten Computer zu tun hat. (Nicht, dass ich nicht dankbar wär, dass wir die einfach so bekommen, aber ich mag Papier und Stift wirklich viel, viel lieber).

Und es gab viele Bücher. Mehr Bücher als ich Fächer hab, was etwas beängstigend ist.

[Und @Herr Müller, sie können schon mal prophylaktisch für mich freuen (oder sich selbst auf die Schulter klopfen), ich verstehe Chemie immernoch, und das sogar auf Schwedisch. (Könnte aber auch daran liegen, dass die ersten drei Themen das Berechnen von Gasvolumen, Katalysatoren und dann Säuren sind, was wir eventuell schon hatten und was sie hier erst im Jahr vor dem Abschluss (aka. dem Äquivalent zur 13. Klasse lernen)].

Außerdem hab ich den Touri gespielt und bin ins Hard Rock Cafe gestiefelt. (Und Schwedisch gesprochen, hey!). Normaler Weise, wenn ich in irgendeinem Laden Schwedisch spreche steht meine Gastschwester hinter mir und hält mir ein metaphorisches Messer an die Kehle.

Am Ende werde ich ihr dafür sehr sehr dankbar sein, denn genau das brennt sich ziemlich in den Kopf ein.

Auch wenn es etwas komisch aussehen muss, wenn man durch die Straßen läuft und das Alphabet, die Wochentage, Adressen oder Zahlen runterbetet. Trotzdem, am Ende werde ich ihr unendlich dankbar dafür sein.

Abends war der beste Freund meines Gastvaters da, der wohl bald nach London zieht und sich verabschieden wollte. Und mitten, als wir grade in ein wirklich tolles Gespräch über Science-Fiction verwickelt waren, kam meine Gastschwester nach Hause und hat mir erklärt, dass wir jetzt losmüssen und ich die deutsche Austauschschülerin ihrer Freundin kennenlerne.

Was man mir allerdings verschwiegen hat, dass da noch etwa viele andere Menschen waren – und ich hasse Gruppen an Menschen in meinem Alter. Vor allem Schweden sind apparently ein bisschen zu all over the place (wie auch immer man das bitte auf Deutsch sagen soll). Es war sehr nett, sie alle mal kennenzulernen aber ja, nein.

Dann doch lieber wieder zurück nach Hause und zurück zu Science-Fiction und mehr (viel mehr) O’Boy, was wohl weitestgehend zum inoffiziellen Nationalgetränk erklärt wurde.

Ein Glück ist meine Gastschwester einer der liebsten und verständnisvollsten Menschen die mir je untergekommen sind, also all good!

Morgen backe ich hoffentlich Streuselkuchen (oder gehe ins Abba-Museum? Oder beides?), wir werden sehen.

Bis dann und wann, Jenna.

(23.08.2018) Die Geschichte vom Zwerg und der schwedischen Nationalhymne ohne echte Wörter

Ich glaube wirklich, so langsam bin ich ein wenig angekommen, auch im Kopf.

Ganz automatisch steuert mein halbwaches Hirn mich zum Schrank, der den einzig wahren Kakao (Pfff, wie degradierend. Als ob es einfacher Kakao wär!) enthält, ich habe endlich verstanden, wie man die verdammte Tür zu meinem Zimmer zubekommt ohne sich jedes Mal drei Fingernägel abzubrechen und die Bauarbeiter vor dem Haus grüßen mich auch schon freundlich.

In der Schule hat mein Laptop heute einen kleinen Bruder bekommen, komplett umsonst. Auch wenn es ein wenig komisch vom Gefühl her ist, einfach zu einem Menschen im hintersten Winkel deiner Schule zu gehen und zu sagen „Hey ich bin Jenna aus Deutschland und hätte gerne ein Laptop.“ Besonders eigenartig fühlt es sich dann an, wenn ebendieser Mensch dann einfach bloß sagt „Bitteschön“, dir tatsächlich ein Laptop gibt und schon ist man good to go.

Schwedisch-Unterricht wird die mittelschwere Hölle.

Die ersten Worte (nach „Hallo“) von meiner Lehrerin zu mir waren übrigens auch „Du musst nicht zum Schwedisch-Unterricht kommen, wenn er dir zu schwer ist.“, äh ja, danke.

Ich hab mich dann aber doch lieber mal fürs dableiben entschieden und – zur Verwunderung der Lehrerin – zweieinhalb Seiten Notizen mitgeschrieben – auf Schwedisch!

Wir lesen jetzt ein Buch, Dvärgen (Der Zwerg) von Pär Lagerkvist, und för fan i helvete! (frei Schnauze: Für den Teufel in der Hölle), das wird schwer. Ich hab für knappe 13 Seiten 45 Minuten gebraucht, und das, obwohl ich Google Translate offen hatte.

In Physik hingegen haben wir Dinge gemacht, die wir hier in Deutschland etwa in der 7. Klasse gemacht haben, nämlich Papierhubschrauber basteln und schauen, wie mehr Gewicht die Fallzeit beeinflusst und ein hübsches Diagramm machen – wow.

Auf der anderen Seite habe ich leichten Struggle damit, dass die Schweden alles am Computer machen. Also wirklich alles. Auch Gruppenarbeiten (aka. den Papier-Heli). Und wenn 3 Leute im selben Dokument rumschreiben – Junge, Junge, vilken röra! (Was für ein Chaos)

Einschub: Mein Gastvater und ich haben uns die schwedische Nationalhymne mal genauer angeguckt und lustig wie er drauf war, hat er sie mich Wort für Wort übersetzten lassen (während ich das dritte Glas O’Boy geschlürft habe). Und jedes Mal wenn er schon so unheimlich blöd gegrinst hat, wusste ich eigentlich, dass ich gar nicht nachdenken brauch, denn was auch immer ich gesagt (oder geraten hätte), als Antwort wär gekommen „Oh, das Wort gibs so im normalen Sprachgebrauch eigentlich nicht, sondern irgendwie nur in der Nationalhymne“ – toll!.

Morgen wird bestimmt auch lustig, für Sport ist ein stinknormaler Klassenraum als Ort eingetragen und für Mathe stehen die Grundlagen der binomischen Formeln an… das war dann etwa die 8. Klasse.

Man darf an dieser Stelle nicht vergessen, diese Menschen machen in eineinhalb Jahren ihren Abschluss und fangen jetzt mit binomischen Formeln an.

Trotzdem freu ich mich komischer Weise sehr auf die Schule.

Bis dann und wann, Jenna

 

(22.08.2018) Vom Schulstart und echten Kanelbullar

Jetzt wo der erste Schultag vorbei ist, kommen mir tatsächlich die Tränen. Aber ich glaube, dass das ganz normal ist wenn alle Anspannung langsam abfällt.

Ich mein ich wusste ja, dass meine Schule wirklich gut sein soll, aber wow.

Erstmal haben sie mich ernsthaft noch in Chemie und Theater quetschen können, auch wenn ich jetzt im Chemiekurs des Jahrgangs über mir sitze – whatever.

Theater ist wahrscheinlich das absolut witzigste Fach überhaupt, und mein Schwedisch ist immerhin gut genug um bei all den Spielen (ja, Theater hieß in diesem Fall zwei Stunden Spiele spielen) mitzumachen.

Alle Lehrer (die ich bis jetzt getroffen hab) sind unglaublich nette Gestalten und haben mir alle angeboten ihren Unterricht in zwei Sprachen zu halten – falls mir das hilft – aber ich mit meinem gigantischen Selbstvertrauen (oder vielleicht aufgrund der Tatsache, dass ich es hasse, Extrawürste zu bekommen?), brauch das natürlich nicht.

Auf dem Rückweg (aka. 20 Minuten zu Fuß durch die City) haben mich dann zwei furchtbar liebe Menschen aufgegabelt (und der Rest deren Truppe ist etwa exakt genau so) und irgendwie adoptiert.

Es ist die Art von lieb, die eigentlich Schulschluss hätte, aber stattdessen über zwei Stunden mit mir in der Schule sitzt und wartet, dass mein Chemiekurs anfängt.

Und ich hatte die erste Richtige Zimtschnecke. Oh heiliger Gandalf, sie war gut. (Dürfte ich mir kurz was von meiner Lieblingspartei ausleihen? Kauft diese Zimtschnecken. Sie sind gut.)

Im Moment sind Gäste da, viele Gäste.

Ich für meinen Teil kippe vor Müdigkeit gleich um.

Bis dann und wann, Jenna

(21.08.2018) Alltag oder sowas ähnliches

So langsam kehrt sowas wie Alltag ein, glaub ich.

Ab morgen fängt die Schule an und ich muss früher aufstehen als im Moment, aber auch das sollte sich definitiv im Bereich des Möglichen befinden.

Ich habe heute gelernt, dass man in Schweden seinen neuen Ausweis bei der Polizei selbst beantragt – stranges Konzept. (Bei exakt der selben Polizei , die sehr bescheiden ist und außen an ihr Gebäude nicht „Die Polizei“ drangeschrieben hat).

Außerdem ist nicht alles endlos teuer, zu meiner großen Freude! Zwar kostet ein Stück Käse 14€, meine neuen Hallenturnschuhe aber dafür nur das zweieinhalbfache vom Käse.

Des weiteren ist es kalt genug um wieder Jacken zu tragen (und deswegen liebe ich mein Leben gleich noch ein Stückchen mehr) und vielleicht ist in einer Woche schon Mützenwetter, das wär ja ein Träumchen!

Skandinaviens größtes Einkaufszentrum (die Mall of Scandinavia) ist wirklich wirklich überwältigend groß (um das an dieser Stelle mal anzumerken) und Hilfe, ich hoffe ich muss da nie nie nie allein hin!

Stockholms Pendeltåg- und U-Bahn-System ist unglaublich schön. Fast jede Station ist ein eigenes kleines Kunstwerk und in meinem Kopf entsteht schon eine Liste an U-Bahnstationen die ich genau deswegen noch dringlichst besichtigen will!

Übrigens sind Selbstbedienungskassen wohl ein ganz großes Ding hier, und man muss seinen Kassenbon scannen um den laden wieder verlassen zu können – na klasse!

An dieser Stelle aber mal ein Lob an den Sicherheitswahn der Schweden, an einigen U-Bahnstationen gibt es Glaswände vor den Gleisen mit Türen, die sich nur öffnen wenn der Zug davor gehalten hat, damit niemand vor den Zug springen kann.

Jetzt werde ich mich mal langsam durch meinen Berg schwdischer Bücher kämpfen – ick freu mir!

Bis dann und wann, Jenna

(20.08.2018) Von der neuen Schule und einem Stück Heimat

Es ist noch nicht mal Abendessenszeit und der Tag war schon wild.

Mir ist der erste unfreundliche Mensch begegnet – es war eine deutsche Touristin, wie sollte es anders sein. Da will man mit seinen zehn (10!) neuen Plastikboxen (zum bekloppten Preis von 1500kr (150€) erstanden) mit der Tunnelbana nach Hause fahren, schon drängelt sich ein dämlicher deutscher Tourist an dir vorbei und bekommt (als gerechte Strafe dafür) die Plastikboxen voll ins Schienbein.

Als sie mich dann auf deutsch beschimpft hat, ist mir tatsächlich erstmal nicht mal aufgefallen, dass es deutsch war. Bis zu dem Punkt, an dem mein Gastbruder fragte, was sie da geschrien hat, dann kam die Erkenntnis.

Abgesehen davon kenne ich jetzt meine Schule – und bin super impressed!

Nicht nur, dass sie super super schön aussieht, nein, sie haben auch ein tolles System.

Mein Stundenplan sieht noch super leer aus (also so richtig), Montags hab ich Schule von 8:30 bis 11:15 und Freitags von 9:55 bis 11:10. Außerdem hab ich nur 6 Fächer, als da wären: Englisch, Geschichte, Sport, Schwedisch, Physik und Mathe.

Mit verdammt viel Glück kriegen wir mich noch in Chemie, Theater und Deutsch rein, wir werden sehen. (Dann hat sich das aber wahrscheinlich auch mit meinem tollen Montag und Freitag ergeben).

Die Pausen zwischen den Stunden sind meisten ein bis eineinhalb Stunden lang, also lang genug um ein zweites oder drittes Frühstück in meiner neuen Lieblingsbäckerei einzunehmen – sie verkaufen Wienergute und Misch-Masch.

Außerdem habe ich das erste schwedische Buch aus der Bücherei ausgeliehen (aber was ganz leichtes!), nämlich „Sagan om Ringen“ (Herr der Ringe), und zwar Buch eins und zwei. Das wird ganz super!!

Bis dann und wann, Jenna

(19.08.2018) Arrival

Da bin ich nun.

Angekommen, quasi. Körperlich auf jeden Fall. Über alles weitere sprechen wir noch.

Ein bisschen überwältigend ist das ja schon alles. Nicht bloß Stockholm oder die Sprache, sondern irgendwie alles.

Noch immer bin ich völlig überrascht von den unglaublichen Nettigkeit meiner Gastfamilie. Ich kann ja nur so halbwegs verstehen, warum man freiwillig eine Fremde aufnimmt, aber dankbar bin ich allemal.

Für mich gabs gestern 19000 Schritte durch Stockholm und jetzt bin ich noch viel überwältigter als vorher. Ich mag mein Braunschweig und wir haben sehr viele schöne Ecken, aber wenn man dann mitten in Stockholm auf einer Brücke steht und auf die Oper guckt, ist das doch nicht wirklich ein Vergleich.

Hab ich mal erwähnt, dass das Abba-Museum zu Fuß erreichbar ist? Trotzdem hat sich der Faulpelz in mir jetzt erstmal eine 5-Monats-Karte für die Stockholmer Öffis zugelegt (zu einem erstaunlich reasonablen Preis zu je 300kr (30€) pro Monat).

Außerdem hat man mir Köttbullar zum Abendbrot gemacht und ich bin mir sehr sehr sicher, dass ich die Ikea-Kötttbullar nie wieder mit solchem Enthusiasmus essen kann – es ist einfach kein Vergleich.

Ich hab erstaunlich gut geschlafen, dafür, dass ich quasi grade in eine neue Stadt gezogen bin. Aber es ist auch wirklich wirklich schön hier.

Mein Zimmer ist eingeräumt und ich hat tatsächlich einen Platz für alles gefunden (Auch wenn sich jetzt meine Hosen, Kabel, Bücher und Schulsachen ein Regal teilen.

Am Frühstückstisch hat meine Gastschwester mir dann mal grade nebenbei die schwedischen Präpositionen erklärt und ich habe gelernt, dass ich mich nicht auf zwei Dinge konzentrieren kann, wenn eine von zweien die Schwedische Sprache ist.

Ich hab dann lieber mitgeschrieben, als gegessen.

Ich glaub ich muss gleich los mit Agnes Schulsachen kaufen, bevor dann morgen ein Treffen mit der Schule ansteht.

Bis dann und wann, Jenna