(23.08.2018) Die Geschichte vom Zwerg und der schwedischen Nationalhymne ohne echte Wörter

Ich glaube wirklich, so langsam bin ich ein wenig angekommen, auch im Kopf.

Ganz automatisch steuert mein halbwaches Hirn mich zum Schrank, der den einzig wahren Kakao (Pfff, wie degradierend. Als ob es einfacher Kakao wär!) enthält, ich habe endlich verstanden, wie man die verdammte Tür zu meinem Zimmer zubekommt ohne sich jedes Mal drei Fingernägel abzubrechen und die Bauarbeiter vor dem Haus grüßen mich auch schon freundlich.

In der Schule hat mein Laptop heute einen kleinen Bruder bekommen, komplett umsonst. Auch wenn es ein wenig komisch vom Gefühl her ist, einfach zu einem Menschen im hintersten Winkel deiner Schule zu gehen und zu sagen „Hey ich bin Jenna aus Deutschland und hätte gerne ein Laptop.“ Besonders eigenartig fühlt es sich dann an, wenn ebendieser Mensch dann einfach bloß sagt „Bitteschön“, dir tatsächlich ein Laptop gibt und schon ist man good to go.

Schwedisch-Unterricht wird die mittelschwere Hölle.

Die ersten Worte (nach „Hallo“) von meiner Lehrerin zu mir waren übrigens auch „Du musst nicht zum Schwedisch-Unterricht kommen, wenn er dir zu schwer ist.“, äh ja, danke.

Ich hab mich dann aber doch lieber mal fürs dableiben entschieden und – zur Verwunderung der Lehrerin – zweieinhalb Seiten Notizen mitgeschrieben – auf Schwedisch!

Wir lesen jetzt ein Buch, Dvärgen (Der Zwerg) von Pär Lagerkvist, und för fan i helvete! (frei Schnauze: Für den Teufel in der Hölle), das wird schwer. Ich hab für knappe 13 Seiten 45 Minuten gebraucht, und das, obwohl ich Google Translate offen hatte.

In Physik hingegen haben wir Dinge gemacht, die wir hier in Deutschland etwa in der 7. Klasse gemacht haben, nämlich Papierhubschrauber basteln und schauen, wie mehr Gewicht die Fallzeit beeinflusst und ein hübsches Diagramm machen – wow.

Auf der anderen Seite habe ich leichten Struggle damit, dass die Schweden alles am Computer machen. Also wirklich alles. Auch Gruppenarbeiten (aka. den Papier-Heli). Und wenn 3 Leute im selben Dokument rumschreiben – Junge, Junge, vilken röra! (Was für ein Chaos)

Einschub: Mein Gastvater und ich haben uns die schwedische Nationalhymne mal genauer angeguckt und lustig wie er drauf war, hat er sie mich Wort für Wort übersetzten lassen (während ich das dritte Glas O’Boy geschlürft habe). Und jedes Mal wenn er schon so unheimlich blöd gegrinst hat, wusste ich eigentlich, dass ich gar nicht nachdenken brauch, denn was auch immer ich gesagt (oder geraten hätte), als Antwort wär gekommen „Oh, das Wort gibs so im normalen Sprachgebrauch eigentlich nicht, sondern irgendwie nur in der Nationalhymne“ – toll!.

Morgen wird bestimmt auch lustig, für Sport ist ein stinknormaler Klassenraum als Ort eingetragen und für Mathe stehen die Grundlagen der binomischen Formeln an… das war dann etwa die 8. Klasse.

Man darf an dieser Stelle nicht vergessen, diese Menschen machen in eineinhalb Jahren ihren Abschluss und fangen jetzt mit binomischen Formeln an.

Trotzdem freu ich mich komischer Weise sehr auf die Schule.

Bis dann und wann, Jenna

 

(22.08.2018) Vom Schulstart und echten Kanelbullar

Jetzt wo der erste Schultag vorbei ist, kommen mir tatsächlich die Tränen. Aber ich glaube, dass das ganz normal ist wenn alle Anspannung langsam abfällt.

Ich mein ich wusste ja, dass meine Schule wirklich gut sein soll, aber wow.

Erstmal haben sie mich ernsthaft noch in Chemie und Theater quetschen können, auch wenn ich jetzt im Chemiekurs des Jahrgangs über mir sitze – whatever.

Theater ist wahrscheinlich das absolut witzigste Fach überhaupt, und mein Schwedisch ist immerhin gut genug um bei all den Spielen (ja, Theater hieß in diesem Fall zwei Stunden Spiele spielen) mitzumachen.

Alle Lehrer (die ich bis jetzt getroffen hab) sind unglaublich nette Gestalten und haben mir alle angeboten ihren Unterricht in zwei Sprachen zu halten – falls mir das hilft – aber ich mit meinem gigantischen Selbstvertrauen (oder vielleicht aufgrund der Tatsache, dass ich es hasse, Extrawürste zu bekommen?), brauch das natürlich nicht.

Auf dem Rückweg (aka. 20 Minuten zu Fuß durch die City) haben mich dann zwei furchtbar liebe Menschen aufgegabelt (und der Rest deren Truppe ist etwa exakt genau so) und irgendwie adoptiert.

Es ist die Art von lieb, die eigentlich Schulschluss hätte, aber stattdessen über zwei Stunden mit mir in der Schule sitzt und wartet, dass mein Chemiekurs anfängt.

Und ich hatte die erste Richtige Zimtschnecke. Oh heiliger Gandalf, sie war gut. (Dürfte ich mir kurz was von meiner Lieblingspartei ausleihen? Kauft diese Zimtschnecken. Sie sind gut.)

Im Moment sind Gäste da, viele Gäste.

Ich für meinen Teil kippe vor Müdigkeit gleich um.

Bis dann und wann, Jenna

(21.08.2018) Alltag oder sowas ähnliches

So langsam kehrt sowas wie Alltag ein, glaub ich.

Ab morgen fängt die Schule an und ich muss früher aufstehen als im Moment, aber auch das sollte sich definitiv im Bereich des Möglichen befinden.

Ich habe heute gelernt, dass man in Schweden seinen neuen Ausweis bei der Polizei selbst beantragt – stranges Konzept. (Bei exakt der selben Polizei , die sehr bescheiden ist und außen an ihr Gebäude nicht „Die Polizei“ drangeschrieben hat).

Außerdem ist nicht alles endlos teuer, zu meiner großen Freude! Zwar kostet ein Stück Käse 14€, meine neuen Hallenturnschuhe aber dafür nur das zweieinhalbfache vom Käse.

Des weiteren ist es kalt genug um wieder Jacken zu tragen (und deswegen liebe ich mein Leben gleich noch ein Stückchen mehr) und vielleicht ist in einer Woche schon Mützenwetter, das wär ja ein Träumchen!

Skandinaviens größtes Einkaufszentrum (die Mall of Scandinavia) ist wirklich wirklich überwältigend groß (um das an dieser Stelle mal anzumerken) und Hilfe, ich hoffe ich muss da nie nie nie allein hin!

Stockholms Pendeltåg- und U-Bahn-System ist unglaublich schön. Fast jede Station ist ein eigenes kleines Kunstwerk und in meinem Kopf entsteht schon eine Liste an U-Bahnstationen die ich genau deswegen noch dringlichst besichtigen will!

Übrigens sind Selbstbedienungskassen wohl ein ganz großes Ding hier, und man muss seinen Kassenbon scannen um den laden wieder verlassen zu können – na klasse!

An dieser Stelle aber mal ein Lob an den Sicherheitswahn der Schweden, an einigen U-Bahnstationen gibt es Glaswände vor den Gleisen mit Türen, die sich nur öffnen wenn der Zug davor gehalten hat, damit niemand vor den Zug springen kann.

Jetzt werde ich mich mal langsam durch meinen Berg schwdischer Bücher kämpfen – ick freu mir!

Bis dann und wann, Jenna

(20.08.2018) Von der neuen Schule und einem Stück Heimat

Es ist noch nicht mal Abendessenszeit und der Tag war schon wild.

Mir ist der erste unfreundliche Mensch begegnet – es war eine deutsche Touristin, wie sollte es anders sein. Da will man mit seinen zehn (10!) neuen Plastikboxen (zum bekloppten Preis von 1500kr (150€) erstanden) mit der Tunnelbana nach Hause fahren, schon drängelt sich ein dämlicher deutscher Tourist an dir vorbei und bekommt (als gerechte Strafe dafür) die Plastikboxen voll ins Schienbein.

Als sie mich dann auf deutsch beschimpft hat, ist mir tatsächlich erstmal nicht mal aufgefallen, dass es deutsch war. Bis zu dem Punkt, an dem mein Gastbruder fragte, was sie da geschrien hat, dann kam die Erkenntnis.

Abgesehen davon kenne ich jetzt meine Schule – und bin super impressed!

Nicht nur, dass sie super super schön aussieht, nein, sie haben auch ein tolles System.

Mein Stundenplan sieht noch super leer aus (also so richtig), Montags hab ich Schule von 8:30 bis 11:15 und Freitags von 9:55 bis 11:10. Außerdem hab ich nur 6 Fächer, als da wären: Englisch, Geschichte, Sport, Schwedisch, Physik und Mathe.

Mit verdammt viel Glück kriegen wir mich noch in Chemie, Theater und Deutsch rein, wir werden sehen. (Dann hat sich das aber wahrscheinlich auch mit meinem tollen Montag und Freitag ergeben).

Die Pausen zwischen den Stunden sind meisten ein bis eineinhalb Stunden lang, also lang genug um ein zweites oder drittes Frühstück in meiner neuen Lieblingsbäckerei einzunehmen – sie verkaufen Wienergute und Misch-Masch.

Außerdem habe ich das erste schwedische Buch aus der Bücherei ausgeliehen (aber was ganz leichtes!), nämlich „Sagan om Ringen“ (Herr der Ringe), und zwar Buch eins und zwei. Das wird ganz super!!

Bis dann und wann, Jenna

(19.08.2018) Arrival

Da bin ich nun.

Angekommen, quasi. Körperlich auf jeden Fall. Über alles weitere sprechen wir noch.

Ein bisschen überwältigend ist das ja schon alles. Nicht bloß Stockholm oder die Sprache, sondern irgendwie alles.

Noch immer bin ich völlig überrascht von den unglaublichen Nettigkeit meiner Gastfamilie. Ich kann ja nur so halbwegs verstehen, warum man freiwillig eine Fremde aufnimmt, aber dankbar bin ich allemal.

Für mich gabs gestern 19000 Schritte durch Stockholm und jetzt bin ich noch viel überwältigter als vorher. Ich mag mein Braunschweig und wir haben sehr viele schöne Ecken, aber wenn man dann mitten in Stockholm auf einer Brücke steht und auf die Oper guckt, ist das doch nicht wirklich ein Vergleich.

Hab ich mal erwähnt, dass das Abba-Museum zu Fuß erreichbar ist? Trotzdem hat sich der Faulpelz in mir jetzt erstmal eine 5-Monats-Karte für die Stockholmer Öffis zugelegt (zu einem erstaunlich reasonablen Preis zu je 300kr (30€) pro Monat).

Außerdem hat man mir Köttbullar zum Abendbrot gemacht und ich bin mir sehr sehr sicher, dass ich die Ikea-Kötttbullar nie wieder mit solchem Enthusiasmus essen kann – es ist einfach kein Vergleich.

Ich hab erstaunlich gut geschlafen, dafür, dass ich quasi grade in eine neue Stadt gezogen bin. Aber es ist auch wirklich wirklich schön hier.

Mein Zimmer ist eingeräumt und ich hat tatsächlich einen Platz für alles gefunden (Auch wenn sich jetzt meine Hosen, Kabel, Bücher und Schulsachen ein Regal teilen.

Am Frühstückstisch hat meine Gastschwester mir dann mal grade nebenbei die schwedischen Präpositionen erklärt und ich habe gelernt, dass ich mich nicht auf zwei Dinge konzentrieren kann, wenn eine von zweien die Schwedische Sprache ist.

Ich hab dann lieber mitgeschrieben, als gegessen.

Ich glaub ich muss gleich los mit Agnes Schulsachen kaufen, bevor dann morgen ein Treffen mit der Schule ansteht.

Bis dann und wann, Jenna

(18.08.2018) Gedanken aus dem Flugzeug

7:42

Es ist strange.

Sehr strange.

Grade sitzt man noch am Flughafen, in Tränen aufgelöst und mit einem Gepäckturm zu den Füßen, zwei Stunden später schwebt man schön über Schweden.

„Flight EW7214 to Stockholm, Arlanda“

„Wir überfliegen Jönköpping“, sagte der Pilot. Klasse, das wollte ich mir schon immer mal ansehen.

Im Moment kreisen meine Gedanken irgendwo zwischen „Ist mir so schlecht, dass ich die Kotztüte lieber in den Händen halten sollte?“ und „Bringt mich meine Gastfamilie aufgrund der Gepäckmänge um?“.

Ich glaube das unter mir ist schon Schweden, könnte vom Aussehen her aber auch Borgwedel, Thale oder Clausthal-Zellerfeld sein.

Feuer scheint keins mehr zu brennen und wir landen jetzt.

Bis dann und wann, Jenna.

(14.08.2018) De jävla tårarna och världens bästa vänner

Hey Maya, hey Weiki!

Es steht wohl im Titel – Verdammte Tränen und die weltbesten Freunde – , ich vermisse euch zu Tode, und dabei bin ich nicht mal außer Landes.

Ist es kitschig? Definitiv!

Geht es anders? Höchst wahrscheinlich!

Muss ich das einfach mal loswerden, und zwar jetzt und nicht erst in 4 Tagen? Einhundertprozentig!

Ihr beiden, ihr seid die Besten!

Und ich habs nicht so mit Worten und das wisst ihr und das ist auch völlig egal, denn ich brauch euch nur anschauen und ihr versteht was ich meine.

Irgendwo sind wir verschieden wie Tag und Nacht, hell und dunkel, kalt und warm, fern und nah, dick und dünn, Freund und Feind, Fragen und Antworten, geschlossen und offen, Gewinner und Verlierer, hart und weich, hoch und tief, Liebe und Hass, wie Stillstand und Veränderung, und doch so gleich, dass ich manchmal das Gefühl bekomme, wir drei sind ein komisches kleines Kollektiv (ein wenig wie die Borg (@Maya, google das!) nur mehr freiwillig und weniger Zwangs-assimiliert).

Es ist komisch das in Worte zu fassen, aber wenn wir irgendwo zusammen sitzen, uns ausschließlich in schlechten Insidern (Pardon, oh heiliger Pinguin, sie sind natürlich vorzüglich!) unterhalten und mir vor Lachen fast die Pizza oben wieder rauskommt, dann läuft die Zeit oft wie in Zeitlupe ab und ich kann mein Glück manchmal nicht fassen.

Scheiße man, wir hatten uns schon oft in der Wolle, sind uns auf den Keks gegangen und hätten uns gern zu Brei geschlagen, aber ganz ehrlich, egal was wir uns an den Kopf werfen, kaum jemand bedeutet mir so viel wie Dat Dreamteam™. 

Es wird sich komisch anfühlen, ohne euch zur Schule zu gehen, ohne euch in Tränen auszubrechen und ohne euch zu lachen, bis mir alles wehtut.

Ohne euch beim goldenen M zu sitzen und sich beim Essen zur Sau zu machen. Ohne euch Nudeln bei Pizza Hut zu essen. Ohne euch nach der Schule mit dem improvisierten Mittagessen auf dem Spielplatz sitzen. Ohne euch mir den Arsch in Freistunden platt sitzen. Ohne euch die skurrilsten Kunstprojekte auf die Beine stellen. Ohne euch auf den letzten Drücker irgendwelche Gruppenarbeiten fertig machen. Ohne euch in Panik verfallen, weil wir alle die Hausaufgaben vergessen haben.  Ohne euch schreckliche Musik hören und doch mitsingen. Ohne euch lästern wie die größten Arschlöcher auf Erden. Ohne euch mein Schulbuch aufschlagen, auf hässliche Gebilde zeigen und sagen „Das bist du!“.

Ohne euch zu leben ist strange.

Ohne euch ist so vieles strange.

Ihr seid mein zweites Hirn und zweites Herz.

Mein Verstand und Gewissen.

Mein Engelchen und Teufelchen.

Ihr wisst so viel über mich, dass es eigentlich nicht mehr feierlich ist und doch seid ihr mit die größte Stütze in meinem verdammten ganzen Leben und ich bin euch so unendlich dankbar.

Ich bin schlecht mit Worten, das hab ich eben schon gesagt und das wisst ihr nur allzu gut.

Ich möchte an dieser Stelle Danke sagen. Danke für fast sechs Jahre. Sechs Jahre mit mehr Höhen und Tiefen, als manche in ihrem ganzen Leben haben und trotzdem stehen wir heute hier, alle zusammen.

Ihr bedeutet mir so viel, dass ich praktisch ich die 2 1/2 Stunden seitdem wir Tschüss gesagt haben, durchgängig heule (und nicht elegant wie ein Schlosshund sondern mehr wie ein sterbendes Walross).

Danke. Einfach bloß Danke.