(25.11.2018) Jede Zelle an jeder Stelle meines Körpers ist voll gut drauf!

Wer hätte es gedacht, dass ein Austauschschülertreffen mal so ne Überschrift trägt?

Aber ehrlich gesagt ist das auch nur das Lied, was Nanja (meine Rettung, again) und ich dann also mitten in einem Cafe angefangen haben zu singen. Falsch übrigens. Es sollte heißen „Jede Zelle an jeder Stelle, jede Zelle ist voll gut drauf“, zumindest wenn man sich dieses ganz…äh… wundervolle Youtube-Video hier anschaut.

Anyway, Austauschschületreffen!

Mein „local coordinator“, die ja bei jeden treffen dabei ist, freut sich wohl ähnlich sehr wie ich, dass ich hierbleibe. Außerdem hat sie wohl ganz viel vertrauen, dass die Familie des Kiwihüters toll ist, denn sie hat mit der Schule und Ayusa etc. schon mal alles geklärt, bevor sie die Family überhaupt persönlich getroffen hat, das passiert erst morgen. Mal schauen wie das wird. Andererseits, was soll groß passieren? Das sind so liebe Menschen, da kann gar nicht viel schiefgehen.

Ansonsten hab ich ja schon letzten Monat festgestellt, als Gesamtgruppe harmonieren wir nicht wirklich perfekt und so ganz grandios organisiert ist das auch alles meistens nicht.

Dieses Mal solltes auf den Weihnachtsmarkt gehen und dann irgendwo „Advents-Fika“ essen. So haben wir erst 15 Minuten auf alle gewartet (auch dann waren noch nicht alle da), sind dann über den Weihnachtsmarkt gehetzt (der aus etwa 14 Buden bestand und irgendwie nicht sonderlich urig war) und jedes Mal wenn jemand auch nur kurz stehen geblieben ist, kam gleich jemand an von wegen „kommt ihr, wir gehen weiter“.

Fika gabs dann bei Joe & The Juice, einer Saft- und Coffee-Shop-Kette, die zwar geschmacklich und preislich okay war, aber nicht besonders adventlich.

Es folgten viele Bilder, die gemacht wurden und schlussendlich löste sich die ganze Vereinigung auch wieder auf.

Außer dem Hannoveraner (urgh) und mir, wie schon letzten Monat verendeten wir irgendwie bei mir. Nur dieses Mal hatten wir vorher noch ein bisschen Gamla Stan angucken mit drin. Ich bin jetzt stolzer Besitzer der schönsten Schallplatte der Welt und von Tokio Hotel Merch. Was ist falsch bei mir?

Aber Nanja, ich hab die Frage gelöst, warum ich erst nach Schweden fliegen musste, um dich kennenzulernen, auch wenn du quasi in der Stadt nebenan wohnst. Wie hätten wir uns jemals treffen sollen, wenn du doch Braunschweig nicht freiwillig betrittst, und ich Ost-Peine ebenso wenig?

Anyway, Jenna müde.

Bis dann und wann, Jenna

(24.11.2018) Aua, eine Kletterwand hat mich angefallen

Möglicherweise bin ich auch von ihr runtergefallen, wer weiß das schon.

Es war das erste Mal in über einem halben Jahr, dass ich wieder irgendeine Boulderhalle betreten hab und ich habs ehrlich gesagt doch mehr vermisst, als ich dachte.

Ansonsten war ja Samstags und an Samstagen stehe ich ungern auf. Ich weiß noch, dass ich an den ersten Wochenenden hier schon um neun aufgestanden bin, weil ich mir dachte, Oh je, was denkt meine Gastfamilie wohl von mir wenn ich bis mittags im Bett bleibe? Schon damals haben sie immer gesagt „Du musst nicht aufstehen, unser Sohn ist auch nie vorm Mittagessen aufgestanden“ und ich habs ewig nicht geglaubt.

Heute ist das irgendwie doch in meinem Gehirn angekommen und ich muss mir keinen Wecker mehr stellen und ganz friedlich und mit gutem Gewissen lange (sehr lange) schlafen.

Nun zum eigentlichen Punkt: Klettern. So bin ich dann also vorher erstmal losgestiefelt und hab mir Chalk und Tape besorgt, dass erschien mir dann doch irgendwie sinnvoll.

Ich hatte dann die Wahl zwischen 600 Meter zur U-Bahn laufen, die alle drei Minuten kommt, oder aber knappe 20 Minuten auf den Bus warten. Wir kennen mich schon länger, ich habe gewartet.

Und in der Zeit hab ich dann sogar die Gelegenheit gehabt, meiner Family väterlicherseits hallo zu sagen, die sich grade versammelt hat.

Dann hieß es ganz schnell Tasche packen und los zum Kiwihüter, die Boulderhalle ruft.

Ich glaube sein Papa hat sich zwischenzeitlich gefragt, was er sich da eigentlich antut, wenn man uns beide wirklich zusammenleben lässt. Nicht nur, dass der Kiwihüter und ich beide absolut kein Vertrauen in seine Fähigkeiten haben, das Internet zu bedienen, wir haben auch die grandiose Fähigkeit, über Stunden hinweg in wirklich komplett sinnlose Diskussionen zu verfallen.

Ansonsten ist es ein unglaublich schönes Gefühl gewesen, mal wieder Klettergriffe unter den Fingern zu haben, völlig zu verzweifeln und am Schluss dann unter Schmerzen und völlig euphorisch am letzten Griff zu baumeln und sich wie der König der Welt fühlen.

Und als ich mich am Schluss dann schlappe 30 Minuten in der selben Route verbissen hatte, hatten der Kiwihüter und sein Papa schon längst aufgegeben und sind dazu übergegangen, am Boden zu sitzen, schlaue Kommentare abzugeben und sich über mich lustig zu machen.

Es ging dann nach Hause denn wer sich bewegt muss auch was essen. Es gab also Kartoffelgratin mit Schnitzel und wir hatten ein sehr glückliches Jenna.

Außerdem hat sich der Kiwihüter dann „Der Tod steht ihr gut“ mit mir angeschaut und mochte den Film tatsächlich. Es folgten ein paar Folgen „Haus des Geldes“ und plötzlich war es ein Uhr nachts.

Eins muss man an dieser Stelle sagen, es ist jedes Mal irgendwie schön, wenn jemand zum Abschied „thanks for today“ sagt.

Bis dann und wann, Jenna

(23.11.2018) Jag är på väg

Meine Gastschwester ist krank und muss sogar Antibiotika nehmen, mein Gastpapa irgendwo in Richtung Ostasien (die Arbeit rief) und meine Gastmama? Pendelt zwischen Arbeit, Apotheke und ihrem kranken Kind.

Ich hatte heut morgen Sport und hab mich dann in Anbetracht des bisherigen Verlaufs der Woche mal dazu entschieden, nicht mitzumachen. Es war Aerobic. Aber es sah an sich ganz spaßig aus.

Darauf folgte, wie jeden Freitag, der Weg zurück zu Schule.

Es gab Burger, und da muss ich die Schule wirklich für loben. Aus der Salattheke kann man sich so viel Füllmaterial holen, wie man will, Burgersoße ist auch da und sogar Käse kann man sich aus der Knäckebrotecke holen. (Die Knäckebrotecke ist die Ecke im Speisesaal, wo das Knäckebrot, Butter und meistens Käse steht. Und Müsli. Es muss also wirklich niemand verhungern).

Es folgte Mathe und ich bin mir nicht ganz sicher, ob das Gefühl von letzter Woche, dass ich nicht komplett blöd wäre, wohl wirklich so richtig war. Andererseits war mein Kopf irgendwann auch einfach müde und da waren viel mehr Buchstaben als Zahlen und bäh.

Wie das meistens so ist, trottete ich dann mit zum Kiwihüter nach Hause. Frag mich einer, wo die Zeit hinverschwunden ist, aber plötzlich steckte sein Papa den Kopf durch die Tür und rief uns zum Essen. Es gab Kartoffelspalten und Hühnchen. Und als wär das noch nicht gut genug, da fragten sie mich, ob wir morgen nicht klettern gehen wollen.

Halloho? Natürlich will ich!

Auch wenn ich seit Ewigkeiten keine Wand mehr angefasst hab, irgendwie vermisst mans doch. Wir werden sehen, wie das dann läuft.

Es folgten viele weitere Stunden des Sitzens und Redens und irgendwann sahen wir beide einfach nur noch tot aus, und ich machte mich auf den Weg nach Hause.

Eins muss man ja sagen, die Telefongespräche während ich nach Hause laufe sind sowieso immer die Besten. Ich weiß nicht was es ist, aber in diesen paar Minuten fallen uns immer die schönsten Themen ein.

So oder so, müde!

Bis dann und wann, Jenna

(22.11.2018) Ein kleines Zwischenfazit

Ich hab am 13.08.2018 einen lustigen Blogpost geschrieben, in dem es um Angst ging. Dort gibt es eine lustige Liste mit Dingen, vor denen ich fünf Tage vor meiner Abreise panische Angst hatte.

Nach über drei Monaten und jedem Gefühl, das man irgendwie durchlebt haben kann, würde ich gern ein kleines Zwischenfazit ziehen.

Jeder Satz, der mit Angst beginnt und in kursiv geschrieben ist, ist ein direktes Zitat aus meinem eigenen Text von vor dreieinhalb Monaten.

Angst, dass mein Schwedisch nicht reicht.

Völlig unbegründet. Jeder Mensch hier spricht Englisch und auch wenn sich alle Leute freuen, wenn du versuchst Schwedisch zu sprechen, verurteilt dich niemand, wenn du doch mal für nen Satz ins Englische rutschst. Und tatsächlich hat mich noch nie jemand fürs Nachfragen von Vokabeln oder ähnlichem blöd angemacht. Außerdem lernt sich Schwedisch – wenn man denn will – wirklich unfassbar gut, auch wenn die Aussprache und der Mist mit den Artikeln manchmal doch etwas zum Haare raufen, es geht!

Angst, von Fettnäpfchen in Fettnäpfchen zu stolpern.

Passiert hin und wieder, aber auch dafür wurde ich noch nie blöd angemacht. Meine Freunde werfen mir dann im Gegenzug blöde Witze über Deutsche ins Gesicht und wir sind quitt und meine Gastfamilie lacht auch bloß und erklärt mir dann, dass das vielleicht nur so mäßig geschickt ist, wenn ich das so sage.

Angst, meiner Gastfamilie auf die Nerven zu gehen.

Sie geben mir das Gefühl, dass es überhaupt nicht so ist. Ich weiß nicht wie, aber sie vermitteln durchgängig das Gefühl, dass sie sich freuen, mich dazuhaben (was an ein Wunder grenzt, nicht mal ich freu mich immer mich dazuhaben). Ausgenommen vielleicht meine Gastschwester, aber wie das mit Menschen in unserem Alter so ist, wir wollen manchmal einfach bloß allein sein. In solchen Momenten weiß ich dann aber, dass sich ihre Laune nicht gegen mich als Mensch richtet, sondern gegen den Fakt, dass ich (genau wie ihre Eltern) ein lebendes Individuum bin.

Angst, keinen Anschluss zu finden.

Das ist ein schlechter Witz. Ich liebe meine Idiotentruppe von ganzem Herzen und bin ihnen so unendlich dankbar, dass sie mich quasi irgendwie einfach adoptiert haben. (Ohne Spaß, vor ein paar Tagen saßen wir alle (wie Schüler manchmal so sind) leicht demotiviert um einen Tisch, manche halb eingeschlafen und andere sind bloß am Prokrastinieren, da schaut sich die eine um und meint mit sehr erwachsener und besorgter Stimme „What happened to all of you, my dear children?“ und seitdem haben wir uns irgendwie damit abgefunden, adoptiert worden zu sein). Egal was in meinem Kopf rumspukt, sie sind da und es sind vor allem Menschen, die auf Anhieb verstehen. Wenn jemand sagt „Sorry I don’t feel like sitting in the luchhall today, it’s so full of people“, dann sucht man sich völlig kommentarlos eine ruhige Ecke zum Essen. Ich mag die Art, wie Leute behandelt werden, denen es nicht gut geht. Am Anfang schien das alles etwas strange, aber heute schätze ich das sehr. Es ist die Salve an einfachen ja/nein-Fragen, die am Anfang kommt. „Do you want to talk?“ „Do you want company?“ „Do you want to sit outside?“ „Inside?“ „Should we tell a teacher?“ „Are you in pain?“ „Any triggers nearby?“. Wie gesagt, am Anfang schien das unglaublich komisch, aber inzwischen ist das eins der Dinge – auch wenn das sicherlich nicht der Weg für jeden ist – die ich wirklich am allermeisten schätze an diesen Menschen. Kurz gesagt, die Angst, keinen Anschluss zu finden ist vollkommen unberechtigt gewesen, und ich hoffe in diesen Menschen wirklich Freunde fürs Leben gefunden zu haben.

Angst, den Erwartungen nicht zu entsprechen.

Der einzige Mensch, der wirklich große Erwartungen hat, bin ich selbst. Ich bin auch die einzige, die glaubt, dass andere riesige Erwartungen haben. Natürlich erwartet die Schule, dass man da ist, nicht stört und dem Unterricht to the best of your abilities folgt, aber das sollte selbstverständlich sein. Ebenso erwartet die Gastfamilie natürlich auch, dass man irgendeine Art von Fortschritt in Sachen Schwedisch macht, aber auch das ist – besonders mit einer Familie wie meiner – das kleinste der Probleme. Im Endeffekt bin ich also der einzige Mensch, der wirklich große Erwartungen hat und die geraten gerne mal in Vergessenheit, einfach weil ich wirklich schrecklich glücklich bin.

Angst, irgendwelche organisatorischen Dinge zu versauen.

Ist völlig Menschlich und ist mir in großem Maße noch nicht passiert. Mit kleinen Dingen wie irgendwelche Orte finden, mit der U-Bahn verloren gehen und ein paar Minuten zu spät sein oder auch 20 Minuten vor Schulbeginn aufwachen und zur Schule sprinten und deswegen vergessen, das Bett abzuziehen, die passieren jedem anderen Menschen in meiner Gastfamilie genau so und die haben sie aus eben diesem Grund nach etwa zweieinhalb Minuten schon wieder vergessen.

Angst, Dinge hier in Deutschland zu verpassen.

Die Angst ist noch immer da und vor allem mit der Jugendweihe, die jetzt wieder anfängt, fehlt mir doch irgendwie ein bisschen was. Andererseits bin ich ja nicht völlig abgeschnitten von der Welt und wenn mir langweilig ist, irgendwas passiert ist oder welcher Grund auch immer mir grade einfällt, dann drückt man kurz auf den Whatsapp-Videoanruf-Knopf und ist innerhalb von etwa drei Sekunden auch visuell mit der Heimat verbunden und kann sich bequem auf den neusten Stand bringen lassen.

Angst, dass Menschen hier für immer von mir gehen, denen ich nicht tschüss sagen konnte.

Auch diese Angst besteht und da ist absolut nichts, was ich dagegen machen kann. Da hilft auch kein „sterben ist ein natürlicher Prozess und teil des Lebens“, es ist einfach so.

Angst, dass mir in Schweden was passiert und niemand da ist.

Ich weiß, dass meine Familie so schnell wie menschlich irgend nur möglich herkommen würde, sollte mir irgendwas schwerwiegendes passieren und für die Zeit, bis sie da sind, hab ich meine Gastfamilie und meine geliebte Idiotentruppe, sodass ich mich unter keinen Umständen allein fühlen würde.

Angst, dass mich der Inhalt meines Kopfes auffrisst.

Das ist mir in den letzten paar Tagen zum ersten Mal seitdem ich Deutschland verlassen hab, auch nur ansatzweise passiert. Und es ist weniger der Inhalt meines Kopfes der mich auffrisst, sondern viel mehr bloß das selbe Gefühl, wie wenn das passiert. Im Moment ist es eigentlich mehr Chaos, aber schönes Chaos irgendwie, also ist selbst das alles nicht so schlimm (auch wenn ich 18 Stunden am Tag schlafe).

Angst, dass mich das Heimweh packt.

Dazu bin ich bei weitem zu glücklich. Ich glaube Heimweh bekommt man dann, wenn im Kopf mehr Trauer (weil Zuhause vermissen) ist, als Freude (weil neues Zuhause toll) vorhanden ist. Ist es ausgeglichen (blau in Diagramm), kann man so vor sich hinleben und wenn mehr Freude als Trauer da ist (gelb im Diagramm), dann hat Heimweh nicht wirklich eine Chance, zu existieren. Das heißt natürlich nicht, dass man sein Zuhause nicht vermisst, es heißt nur, das genug Freude da ist, um das Gefühl auszukontern.

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Angst, in der Schule hier nicht wieder reinzukommen.

Die Angst hab ich noch immer, sie wird sogar schlimmer, jetzt wo ich, wenn alles gut läuft bis im Sommer bleibe und die wird mir auch kein gutes Zureden nehmen können. Allerdings weiß ich, wie sehr ich mir später selbst in den Arsch beiße, wenn ich nicht so lange hierbleiben würde wie möglich und so ist das irgendwie alles etwas tumultig in meinem Kopf, aber irgendwie auch okay.

Angst, dass die Schule in Schweden zu schwer ist.

Ist sie definitiv nicht. Auch wenn die ersten Wochen etwas kompliziert waren, weil man ja doch erstmal die Sprache lernen muss, gings dann irgendwie doch. An dieser Stelle muss man irgendwie in den sauren Apfel beißen und seine gesamten Notizen in zwei Sprachen schreiben. Irgendwann konnte ich dann anfangen, in Schwedisch zu schreiben und nur noch einzelne deutsche Wörter in rot darüber zu schreiben und heute gehts tatsächlich auch komplett auf Schwedisch.

Angst, allein zu sein.

Keineswegs! Also ja, die Angst hatte durchaus ihre Daseinsberechtigung, die hat sie aber schon lange wieder verloren. Meine Gastfamilie und meine geliebte Idiotentruppe geben mir das Gefühl, dass ich wirklich vieles bin, aber nicht allein. Und außerdem wie schon gesagt, ein kleiner Knopfdruck und schon kann man mit den Menschen in Deutschland quasi von Angesicht zu Angesicht reden.

Angst von zu vielen Menschen umgeben zu sein, ohne wirklich von ihnen umgeben zu sein.

Natürlich ist das Gefühl manchmal da. Manchmal sitzt man im Speisesaal in der Schule, alle Stimmen und Musik verschwimmen zu einem Brei, der Blick driftet irgendwo hin ab und man fühlt sich ganz ganz klein. Ein bisschen wie Sophie in Mamma Mia (Szene anschauen hier, ich meine nicht den Teil, wo mir drei Leute erzählen, dass sie mein Vater wären, sondern dass sich alles um einen herum dreht und man schlussendlich auf den Boden klatscht). Aber in den Momenten braucht es normalerweise nicht länger als eine knappe Minute, bis einer meiner Freunde mich antippt und fragt, ob alles okay ist und das holt mich eigentlich immer zielsicher aus diesem Gefühl wieder raus.

Angst, dass Gefühl von Fremde nicht loszuwerden.

Stockholm fühlt sich inzwischen genau so sehr nach Heimat an, wie Braunschweig. Völlig egal, wo ich später mal wohne, ein Teil von mir wird immer in Stockholm bleiben und still und leise „Hem till Stockholm“ von Mauro Scocco singen.

Angst, zurück zu kommen und Schweden mehr zu vermissen als gesund ist.

Die Angst ist völlig berechtigt und ist noch viel stärker, als ich dachte, dass sie werden könnte. Aber komischerweise kann ich das doch die meiste Zeit ausblenden und irgendwie im hier und jetzt leben.

Angst davor, vor Angst blind zu werden.

Berechtigte Angst, aber nicht zutreffend. Ich bin glücklicher und freier, als ich wahrscheinlich jemals war. Das einzige, was mir in der Hinsicht Angst macht, ist zuzusehen, wie ich selbst mich verändere. Ich bin kein Mensch, der mit Veränderungen besonders gut klarkommt. Aber irgendwie hab ich das Gefühl, ich geh hier nicht allein durch, und das hilft immens!

Bis dann und wann, Jenna

 

(21.11.2018) Im Westen nix Neues… äh im Norden

Ich liege noch immer im Bett und verschlafe etwa 3/4 meines Tages. Ich weiß nicht, wo mein Körper dieses Schlafbedürfnis hernimmt.

Okay, möglicherweise versucht er gewisse Defizite der letzten zwei Wochen aufzuarbeiten, wer weiß das schon.

Ich vermiss die Schule und die Leute ja jetzt schon. Ich weiß nicht wie das mal enden soll, falls ich mir die Grippe einfange oder so, dann geh ich wahrscheinlich vor Herzschmerz drauf.

Auf der anderen Seite hat mir der Kiwihüter schon erklärt, dass man mir, wenn ich erstmal bei ihnen eingezogen bin und dann krank werden sollte, das Essen ins Bett bringt, das mache man bei ihnen in der Familie so.

Abgesehen davon kam heute Abend der britische Besuch wieder und mein Gastpapa hat Gulasch gemacht. Oder eher, er hats versucht. Irgendwie schwammen darin Kartoffeln und halbe grüne Paprikas und dazu gabs Nudeln, die leider zu Batzen verklebt waren und in der Mitte deswegen weit entfernt von durch waren. Es war wirklich lieb gemeint, aber nächstes Mal nehmen wir Omas Rezept (was wir eh gemacht hätten, hätt ich nicht alles verschlafen).

Ich hoff mal, dass mein Kopf sich morgen so weit beruhigt hat, dass ich wieder zur Schule kann, ich vermisse meine Idioten überdurchschnittlich dolle!

Bis dann und wann, Jenna.

(20.11.2018) Und hallo altbekannte Muster!

Ich habs ja ein bisschen vermisst, regelmäßig von meinem Kopf ausgeknockt zu werden.

Ich weiß nicht, ich glaub das hatte ich seit über vier Monaten nicht mehr, was bestimmt ein neuer Rekord ist!

Wie das mit Menschen so ist, können wir ein bestimmtes Stresslevel nur bedingt lange aufrechterhalten, egal wie oft wir uns sagen „Ach quatsch, das geht schon!“, irgendwann streikt dann der ganze Körper.

Und in Schweden war das ziemlich schnell einfach weg. Ich bin nicht mehr morgens schon mit Kopfschmerzen aufgewacht und hab nach der Schule erstmal zwei Stunden Nickerchen gemacht. Das ist einer der Gründe, warum ich doch so unendlich glücklich bin.

Und genau weil ich die letzten Monate so unendlich glücklich war, waren die letzten zwei Wochen und all ihr Tumult dann irgendwie son Schlag in die Magengrube und als ich heute Morgen aufgewacht bin, hab ich gedacht ich erbrech mich gleich direkt neben mein Kopfkissen.

So hab ichs nach 30 Minuten dann einmal bis in die Küche geschafft, meiner Gastmama bloß angeguckt (ich sah wohl aus wie der Tod höchstpersönlich), sie meinte, sie meldet mich krank und ich bin wieder ins Bett gefallen und hab noch mal volle sechs Stunden geschlafen.

Damit hatte ich übrigens auch sämtliches Tageslicht verschlafen.

Nach aktuellen Hochrechnungen, hab ich von den letzten 24 Stunden mehr als 18 verschlafen. Ich bin immer noch müde. Aber der Kiwihüter schickt mir regelmäßig Gute-Besserung-Zeichnungen (unter anderem ein furchtbar niedliches Pikachu) und meine Gastmama steckt ab und zu den Kopf rein und schaut ob ich noch am Leben bin.

Zum Abendessen hab ichs dann auf wundersame Weise bis in die Küche geschafft und wurde mit einem meiner absoluten Lieblingsessen belohnt!

Korv Stroganoff! (Wikipedia-Artikel hier)

Danach bin ich auf direktem Weg wieder ins Bett gefallen und eingeschlafen. Das war anscheinend gut so, denn Schweden hat im Fußball gewonnen (was immer dann passiert, wenn ich nicht zuschaue) (Theorie meines Gastpapas).

Bis dann und wann, Jenna

 

(19.11.2018) Wenn einem die Decke auf den Kopf fällt

Manchmal sitzt man in der Schule, der Geschichtsunterricht schleicht förmlich voran und irgendwie scheint der Uhrzeiger wie festgeklebt. Und das bei einer Digitaluhr. Mysteriös!

Das sind dann die Momente, wo man sehr froh ist, dass der Unterricht früher endet als sonst.

Und das man Freunde hat, denen man bloß sagen muss, dass man heute definitiv nicht mit 500 Menschen in einem Essenssaal sitzt und die das verstehen.

Und dann macht man sich auf den Weg nach Gamla Stan, sucht sich das menschenleerste Cafe, das man findet, verschließt die Augen gegenüber den Preisschildern bei der Auswahl des Essens und bezahlt am Ende etwa 13 Euro für ein Sandwich und nochmal sechs für den Kakao oben drauf. Dann schluckt man kurz und stellt fest, dass es vielleicht ausnahmsweise das ist, was man jetzt braucht. Zumindest ein mal.

Und irgendwann ist man dann zurück in der Schule und irgendwie doch nicht. Frag mich einer wo mein Kopf heute den ganzen Tag über war. Ich hab nicht wirklich viel auf die Reihe gekriegt.

Es folgte trotzdem noch Deutschunterricht und nachdem meine Lehrerin mir ein paar Mal angeboten hat, einfach nach hause zu gehen, ich sehe wohl recht mies aus. Irgendwann hat sie aufgegeben und mich gefragt, ob ich lieber was zu tun haben will.

Auf mein zustimmen, sollte ich dann erklären, wie das mit den Uhrzeiten auf deutsch funktioniert. Ich habs versucht.

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Hiernach dachte ich wirklich, dass mir gleich die Hand abfällt. Lehrer könnt ich echt nicht werden, auf nem Whiteboard schreiben ist ja echt unbequem wie sau!

Aber ich glaube sie habens alle verstanden und im ganzen Kurs sind tatsächlich zwei Leute, die aussehen, als hätten sie wirklich Interesse daran, die Sprache zu lernen. Auf der anderen Seite haben mir aber auch schon so einige erklärt, dass sie Deutsch nur gewählt haben, weil sie eben ne Sprache wählen mussten, und dachten, dass Deutsch leicht wird.

Ansonsten ist wirklich nicht mehr besonders viel passiert.

Ich hatte Tortellini zum Abendbrot und bin dann so etwa um neun ins Bett gegangen.

Bis dann und wann, Jenna