(02.11.2018) Let me talk about change

Exakt das. Und Angst. Und Chaos im Kopf. Und Leben und so.

Wenn die Menschen sagen, dass einen ein Auslandsjahr verändert, dann haben sie recht. Aber wie sehr es einen verändert, das kann niemand vorhersehen. Es ist verrückt, völlig verrückt.

Ich möchte mein Gesülze gerne mit einem kleinen Video einleiten (herzlichen Dank an Abba The Museum, das mir das vor Augen geführt hat). Achtung, ich mache mich gleich im Internet zum Affen.

Worauf ich damit eigentlich hinaus will ist nicht, dass ich immer noch nicht tanzen kann, sondern die Tatsache, dass ich, obwohl ich keinen blassen Schimmer hab, was ich da eigentlich mache, glücklich dabei aussehe. Mir steht nicht per dick und fett „Heilige Mutter Gandalfs ist das peinlich“ ins Gesicht geschrieben, und scheiße man, natürlich ist das sau peinlich, und das ganze auch noch auf meinen Blog packen, das ist noch viel schlimmer. Aber scheiße man (nochmal), ist mir das vielleicht komplett egal? Exakt das ist es. Und das kann man sehen.

Das erste Video ist von Ende August, das andere von Vorgestern, und wenn mich jetzt nicht alles täuscht, sieht man einen riesigen Unterschied (nicht im Rumgezappel sondern in mir).

Und es gibt wenig Dinge, die mich so glücklich machen, wie diese Enddeckung.

Eines Nachts, vor ein paar Tagen, als ich nicht schlafen konnte, als mein Kopf lauter geschrien hat, als meinen Ohren gut tut und als der lustige, stechende Schmerz, den ich bestens aus Deutschland kenne, beschlossen hat, mal wieder hallo zu sagen, da hab ich dem Kiwihüter geschrieben. Fünf kleine Worte. „Do you have a second?“. Und dann ist alles aus mir rausgebrochen. Alles, was ich in den letzten drei Jahren in meinem Kopf eingesperrt hab, von dem ich mir selbst versprochen hab, nie wieder drüber nachzudenken. Sprechen ging nicht und ich glaube am Ende waren es über 30 Minuten, die ich gebraucht hab, um das alles zu tippen.

Wer hätte gedacht, dass ich erst in ein anderes Land ziehen muss, um so jemanden zu finden? Einen Menschen, der mich besser versteht als ich selbst? Der besser weiß, was mit mir passiert, als ich selbst? Der so weit in die Zukunft gucken kann, dass er alle Dinge, die ich eventuell in meinem kleinen verqueren Kopf in Frage stellen könnte, schon mal provisorisch mit Edding auf meinen Arm schreibt? Scheiße man, dich lass ich nicht mehr gehen.

Der entscheidende Punkt ist aber ehrlich gesagt, dass ich jetzt in der Lage bin, sowas überhaupt zuzulassen. Und dafür musste ich aus Deutschland raus.

Es sind viele Dinge, die sich verändern. Viele kleine, in und an mir, viele große, vor alle in mir drin.

Ich kann meine Haare offen tragen, etwas, was ich nie, also wirklich nie gemacht hab in Deutschland. „Das bin nicht ich“, hab ich mir immer gesagt. „Aber was bin schon ich?“, frage ich mich jetzt.

Wer genau bin ich eigentlich? Ich bin der Mensch, der nie für die Schule gelernt hat und bloß am Abend vorher alles ins Kurzzeitgedächtnis geprügelt hat. Warum? Schule ist scheiße. Ich bin der Mensch, der die ESC Gewinner der letzten 62 Jahre auswendig kann. Warum? Weil ich niemand anders kenne, der das kann. Ich bin der Mensch, der Quenya lernte. Warum? Weil niemand den ich kenne, das spricht. Ich bin der Mensch, der Merch von all den komischen kleinen Bands trägt. Warum? Weil ich niemanden kenne, der sie mag. Ich bin der Mensch, der jetzt in Schweden ist. Warum? Weil ich niemand anders kenne, der hier Austauschschüler war. Ich bin der Mensch, der Motorrad fährt. Warum? Weil das bei Papa super spaßig aussieht. Ich bin der Mensch, der allen möglichen Scheiß ins Internet scheibt. Warum? Weil ich will. Ich bin der Mensch, der sich gesagt hat, dass Lügen die neue Wahrheit sind. Warum? Weil ich Angst hatte, verurteilt zu werden. Ich bin der Mensch, der aufgehört hat zu tun, was ihm Spaß macht. Warum? Weil ich so kaputt war, dass nicht mal dafür Energie da war. Ich bin der Mensch, der andere Menschen grundlos hasst. Warum? Einfach bloß, weil sie Menschen sind. Ich bin der Mensch, der sich selbst belogen hat. Warum? Weil ich nicht einsehen wollte, wer ich wirklich bin.

Und warum? Weil ich Angst hatte.

Viele der Dinge, die mich in den letzten Jahren ausgezeichnet haben, die sehe ich noch immer so. Und viele Dinge, die vor Jahren bloß aus Prinzip angefangen hab, die liebe ich noch heute mit ganzem Herzen. Aber viele Entscheidungen, die ich getroffen hab, die würde ich am heutigen Tage nicht noch mal treffen und doch, würde man mich zurück an den Tag schicken, an dem sie ursprünglich gefällt wurden, würde sicherlich nichts anders laufen.

Ich habe lange, sehr sehr lange mit dem Kiwihüter geredet. Darüber, wer man ist als Mensch.

Ich war schon immer ein Mensch, der beschlossen hat, zu sein, wer er ist. Auch wenn es so aussieht, nicht wirklich viel ist einfach passiert. Ich würde mir manchmal gern selbst in den Arsch beißen beim Gedanken, wie viele Dinge, auch die, die mich unglücklich machen, ich gemacht hab, einfach aus Prinzip, oder weil sie zum Menschen passen, der ich beschlossen hatte zu sein.

Ich hab mich selbst davon abgehalten, mich in Dinge zu vergraben, die Spaß machen, nur weil alle anderen sie auch toll fanden. Ich hab nie gelernt, für die Schule zu lernen, weil ich mir immer gesagt hat, „Du bist du Jenna, du lernst nicht“.

Es gibt endlos viele Dinge, die sich verändern.

Meine Prinzipien, der Mensch, der ich vorgebe zu sein, den kennt hier in Schweden niemand. Niemand hat Erwartungen, keine Seele sagt „Aber warst du nicht immer dagegen?“, „Mochtest du das früher nicht so gern?“, „Aber sowas hast du doch noch nie gemacht?!“.

Ich war immer der Mensch der nicht tanzt. Warum? Ich tanze nicht.

Bullshit. Großer Bullshit. Jeder Mensch tanzt und sich davon abzuhalten ist im Endeffekt völlig bescheuert.

Ich bin an einem Punkt, wo ich innerlich im Kreis renne und dabei schreie, während mir Dampf aus den Ohren kommt und ich dabei mit Rasseln rassel. Ich frage mich ernsthaft, was an mir wirklich ich bin und was genau bloß „aus Prinzip“.

Im Endeffekt bin natürlich auch alles, was ich bloß aus Prinzip mache ich, es sind ja schließlich meine Prinzipien, aber trotzdem.

Alles verändert sich in meinem Kopf und das schneller, als ich es greifen kann. Ich hab Angst. Eine Art von Angst, wie ich sie nicht in Wort fassen kann und wie ich sie noch nie gespürt hab. Ich hab schlichtweg Angst davor, mich selbst zu finden und am Ende nicht mehr in mein Leben zu passen.

Bis dann und wann, Jenna

(06.09.2018) Gedanken aus dem Schwedischunterricht

Okay das ist doch etwas strange. Mein Plan, Deutschstunden zu machen, hat nur so halbwegs gut geklappt. Irgendwo hat sich da irgendwas vertauscht, auf jeden Fall sitze ich jetzt irgendwo (aka in der hintersten Ecke der Schwedischklasse) und schreibe.

Weil schreiben meistens das einfachste ist, wenn man sich irgendwie beschäftigen muss.

An dieser Stelle sei anzumerken, dass tippen jetzt bedeutend leichter ist, ich habs geschafft die Tastatur auf Deutsch umzustellen. Also yay.

Und tatsächlich ist es gar nicht so unendlich schwer, die Tastaturen umzuswitchen.

Da ich jetzt etwa zwei Stunden Zeit hab, kann ich die Zeit auch nutzen, um mal mit ein bisschen Zeug aufzuräumen, das sich in meinem Kopf ansammelt.

Zum schwedischen Schulsystem:

An dieser Stelle sei anzumerken, dass ich an diesem Punkt von meiner Schule ausgehe. Meine Gastschwester beispielsweise hat keinen Blockunterricht so wie ich, und was weiß ich, was genau bei ihr noch anders ist.

Ich für meinen Teil habe auf jeden Fall Blockunterricht. Das heißt, dass ich Englisch, Physik, Geschichte, Deutsch, Theater und Mathematik zu Stunden von je 2:45h habe. Schwedisch allerdings nur 1:50h und Sport 1:15h.

Pause gibt es dann, wenn der Lehrer es für angemessen hält und die Klasse angemessen erschöpft aussieht.

Auch wenn ich mir nicht ganz sicher bin, von was genau man da übermäßig erschöpft sein kann, aber dazu später mehr.

Ansonsten hängt es vom Lehrer ab, in welcher Sprache unterrichtet wird. Manche Lehrer sprechen kein Schwedisch, daher ist der Unterricht allenfalls auf Englisch. Andere sprechen auch Schwedisch, unterrichten aber trotzdem auf Englisch, wieder andere mischen beides kunterbunt und nochmal ganz andere sind schwedisch sprechende Schweden.

Das erklärt auch warum sie alle wirklich gut in Englisch sind, müssen sie auch, ansonsten wird die Schule ganz offenkundig zur Hölle.

Bis auf ein paar Ausfälle sind die Lehrer allerdings unglaublich liebe Menschen und ich fühle mich wirklich gut aufgehoben.

Aber stofflich hängen sie absolut hinterher und das, mit Ausnahme von Englisch, in absolut jedem Fach.

So haben wir jetzt in Geschichte vier Stunden Zeit bekommen, eine Zeitstrahl zu basteln, in Physik haben wir Papierhelikopter fallen gelassen und die Fallzeit berechnet und in Mathe machen wir binomische Formeln. Oh Freude.

Schwedisch lässt sich natürlich recht schwer zu beurteilen, so habe ich doch für den Moment aufgegeben, Dvärgen zu lesen. Aber gut, es ist halt einfach simple Romananalyse. Erinnert mich stark an Andorra in der neunten Klasse (und begeistert mich auch ähnlich stark).

Und sonst so?

Des weiteren wird es langsam kalt. Also es wird Stiefel- und Pulliwetter. Ich freu mich sehr!

Außerdem fängt Parkour nächste Woche an, und ich bin definitiv überzeugt, dass es gut wird.

Und ich werde Apfelstrudel backen, das steht schon fest.

Abgesehen davon, bin ich glaub ich wirklich im Leben angekommen. Ich spüre die typische , mittelmäßige Motivation morgens aufzustehen, kann immernoch kein Frühstück essen und schlürfe deswegen bloß ein Glas O’Boy (das im Moment wohl nicht mehr produziert wird (zum Glück haben wir noch genug zu Hause) und deswegen online für gut und gerne 5000kr (500€) verkauft wird). Nc der Schule würde ich Hausaufgaben machen, falls ich denn welche aufkriegen würde und dann schau ich Criminal Minds, lese Spindelmannen (Spider-Man) Comics, latsche durch die Gegend und treffe mich mit Freunden (oder Günthers Hausherr). Leben also.

Ich bin unendlich glücklich und unendlich dankbar, hier sein zu dürfen und dabei noch solch unverschämtes Glück zu haben.

Meine Gastschwester hat, bevor ich gekommen bin gesagt, dass es wichtig ist, nicht zu erwarten the time of my life zu haben, sonst werde ich höchst wahrscheinlich schrecklich schwer enttäuscht. Aber grade eben? Grade eben bin ich glücklicher und sorgenfreier, als ich wahrscheinlich jemals war.

@Familie und Freunde zu Hause: Das heißt nicht, dass ich unglücklich war zu Hause, keinesfalls! Aber ich weiß nicht genau was es ist, aber Schweden ist wirklich unendlich unfassbar schön und ich kann nicht mal genau in Worte fassen, wo genau das herkommt oder was genau anders ist, es ist einfach alles wie es ist.

[Ich hab immernoch über eine Stunde Unterrichtszeit über und ich krieg langsam einen Krampf in der Hand, ich hatte es auf so kleinen Laptoptastaturen zu tippen.

Ernsthaft, ich glaube es wär angenehmer, auf meinem Handy zu tippen. Abr auch wenn ich mein Handy rausholen dürfte, fühlt sich das so komisch an, dass nein. Einfach nein.]

Um meine Hände zu schonen:

Bis dann und wann, Jenna

(19.08.2018) Arrival

Da bin ich nun.

Angekommen, quasi. Körperlich auf jeden Fall. Über alles weitere sprechen wir noch.

Ein bisschen überwältigend ist das ja schon alles. Nicht bloß Stockholm oder die Sprache, sondern irgendwie alles.

Noch immer bin ich völlig überrascht von den unglaublichen Nettigkeit meiner Gastfamilie. Ich kann ja nur so halbwegs verstehen, warum man freiwillig eine Fremde aufnimmt, aber dankbar bin ich allemal.

Für mich gabs gestern 19000 Schritte durch Stockholm und jetzt bin ich noch viel überwältigter als vorher. Ich mag mein Braunschweig und wir haben sehr viele schöne Ecken, aber wenn man dann mitten in Stockholm auf einer Brücke steht und auf die Oper guckt, ist das doch nicht wirklich ein Vergleich.

Hab ich mal erwähnt, dass das Abba-Museum zu Fuß erreichbar ist? Trotzdem hat sich der Faulpelz in mir jetzt erstmal eine 5-Monats-Karte für die Stockholmer Öffis zugelegt (zu einem erstaunlich reasonablen Preis zu je 300kr (30€) pro Monat).

Außerdem hat man mir Köttbullar zum Abendbrot gemacht und ich bin mir sehr sehr sicher, dass ich die Ikea-Kötttbullar nie wieder mit solchem Enthusiasmus essen kann – es ist einfach kein Vergleich.

Ich hab erstaunlich gut geschlafen, dafür, dass ich quasi grade in eine neue Stadt gezogen bin. Aber es ist auch wirklich wirklich schön hier.

Mein Zimmer ist eingeräumt und ich hat tatsächlich einen Platz für alles gefunden (Auch wenn sich jetzt meine Hosen, Kabel, Bücher und Schulsachen ein Regal teilen.

Am Frühstückstisch hat meine Gastschwester mir dann mal grade nebenbei die schwedischen Präpositionen erklärt und ich habe gelernt, dass ich mich nicht auf zwei Dinge konzentrieren kann, wenn eine von zweien die Schwedische Sprache ist.

Ich hab dann lieber mitgeschrieben, als gegessen.

Ich glaub ich muss gleich los mit Agnes Schulsachen kaufen, bevor dann morgen ein Treffen mit der Schule ansteht.

Bis dann und wann, Jenna

(18.08.2018) Gedanken aus dem Flugzeug

7:42

Es ist strange.

Sehr strange.

Grade sitzt man noch am Flughafen, in Tränen aufgelöst und mit einem Gepäckturm zu den Füßen, zwei Stunden später schwebt man schön über Schweden.

„Flight EW7214 to Stockholm, Arlanda“

„Wir überfliegen Jönköpping“, sagte der Pilot. Klasse, das wollte ich mir schon immer mal ansehen.

Im Moment kreisen meine Gedanken irgendwo zwischen „Ist mir so schlecht, dass ich die Kotztüte lieber in den Händen halten sollte?“ und „Bringt mich meine Gastfamilie aufgrund der Gepäckmänge um?“.

Ich glaube das unter mir ist schon Schweden, könnte vom Aussehen her aber auch Borgwedel, Thale oder Clausthal-Zellerfeld sein.

Feuer scheint keins mehr zu brennen und wir landen jetzt.

Bis dann und wann, Jenna.

(14.08.2018) De jävla tårarna och världens bästa vänner

Hey Maya, hey Weiki!

Es steht wohl im Titel – Verdammte Tränen und die weltbesten Freunde – , ich vermisse euch zu Tode, und dabei bin ich nicht mal außer Landes.

Ist es kitschig? Definitiv!

Geht es anders? Höchst wahrscheinlich!

Muss ich das einfach mal loswerden, und zwar jetzt und nicht erst in 4 Tagen? Einhundertprozentig!

Ihr beiden, ihr seid die Besten!

Und ich habs nicht so mit Worten und das wisst ihr und das ist auch völlig egal, denn ich brauch euch nur anschauen und ihr versteht was ich meine.

Irgendwo sind wir verschieden wie Tag und Nacht, hell und dunkel, kalt und warm, fern und nah, dick und dünn, Freund und Feind, Fragen und Antworten, geschlossen und offen, Gewinner und Verlierer, hart und weich, hoch und tief, Liebe und Hass, wie Stillstand und Veränderung, und doch so gleich, dass ich manchmal das Gefühl bekomme, wir drei sind ein komisches kleines Kollektiv (ein wenig wie die Borg (@Maya, google das!) nur mehr freiwillig und weniger Zwangs-assimiliert).

Es ist komisch das in Worte zu fassen, aber wenn wir irgendwo zusammen sitzen, uns ausschließlich in schlechten Insidern (Pardon, oh heiliger Pinguin, sie sind natürlich vorzüglich!) unterhalten und mir vor Lachen fast die Pizza oben wieder rauskommt, dann läuft die Zeit oft wie in Zeitlupe ab und ich kann mein Glück manchmal nicht fassen.

Scheiße man, wir hatten uns schon oft in der Wolle, sind uns auf den Keks gegangen und hätten uns gern zu Brei geschlagen, aber ganz ehrlich, egal was wir uns an den Kopf werfen, kaum jemand bedeutet mir so viel wie Dat Dreamteam™. 

Es wird sich komisch anfühlen, ohne euch zur Schule zu gehen, ohne euch in Tränen auszubrechen und ohne euch zu lachen, bis mir alles wehtut.

Ohne euch beim goldenen M zu sitzen und sich beim Essen zur Sau zu machen. Ohne euch Nudeln bei Pizza Hut zu essen. Ohne euch nach der Schule mit dem improvisierten Mittagessen auf dem Spielplatz sitzen. Ohne euch mir den Arsch in Freistunden platt sitzen. Ohne euch die skurrilsten Kunstprojekte auf die Beine stellen. Ohne euch auf den letzten Drücker irgendwelche Gruppenarbeiten fertig machen. Ohne euch in Panik verfallen, weil wir alle die Hausaufgaben vergessen haben.  Ohne euch schreckliche Musik hören und doch mitsingen. Ohne euch lästern wie die größten Arschlöcher auf Erden. Ohne euch mein Schulbuch aufschlagen, auf hässliche Gebilde zeigen und sagen „Das bist du!“.

Ohne euch zu leben ist strange.

Ohne euch ist so vieles strange.

Ihr seid mein zweites Hirn und zweites Herz.

Mein Verstand und Gewissen.

Mein Engelchen und Teufelchen.

Ihr wisst so viel über mich, dass es eigentlich nicht mehr feierlich ist und doch seid ihr mit die größte Stütze in meinem verdammten ganzen Leben und ich bin euch so unendlich dankbar.

Ich bin schlecht mit Worten, das hab ich eben schon gesagt und das wisst ihr nur allzu gut.

Ich möchte an dieser Stelle Danke sagen. Danke für fast sechs Jahre. Sechs Jahre mit mehr Höhen und Tiefen, als manche in ihrem ganzen Leben haben und trotzdem stehen wir heute hier, alle zusammen.

Ihr bedeutet mir so viel, dass ich praktisch ich die 2 1/2 Stunden seitdem wir Tschüss gesagt haben, durchgängig heule (und nicht elegant wie ein Schlosshund sondern mehr wie ein sterbendes Walross).

Danke. Einfach bloß Danke.

 

(13.08.2018) 5 scheiß Tage

Scheiße in der Tat.

Das ist wie sitzen auf heißen Kohlen mit Hummeln im Arsch, den Füßen Im Hornissennest, einem Braunbär der meine Hand für sein Mittagessen hält und gleichzeitig den Kopf tief im Sand stecken haben, und das alles zusammen.

Positiv anzumerken sei an dieser Stelle, dass meine Gastfamilie toll ist. Also so richtig. So sehr, dass ich mich überwinde und sogar Harzer Käse mitbringe. (Wobei das eine komplett andere Geschichte ist).

Mein momentanes Innenleben ist lässt sich mit diesem tollen Paint-Diagramm super erklären.

Mein Gott (oder Gandalf. Lieber Gandalf), ich hab Angst. Und mir ist praktisch 24/7 schlecht.

An dieser Stelle, ich freu mich tierisch um jeden Menschen, der Samstag gekommen ist um mir tschüss zu sagen! Nur leichter gemacht hats das nicht, jetzt weiß ich nämlich wieder sehr sehr doll, warum ich euch alle so vermissen werde.

Ich hab so viel Angst.

Angst, dass mein Schwedisch nicht reicht. Angst, von Fettnäpfchen in Fettnäpfchen zu stolpern. Angst, meiner Gastfamilie auf die Nerven zu gehen. Angst, keinen Anschluss zu finden. Angst, den Erwartungen nicht zu entsprechen. Angst, irgendwelche organisatorischen Dinge zu versauen. Angst, Dinge hier in Deutschland zu verpassen. Angst, dass Menschen hier für immer von mir gehen, denen ich nicht tschüss sagen konnte. Angst, dass mir in Schweden was passiert und niemand da ist. Angst, dass mich der Inhalt meines Kopfes auffrisst. Angst, dass mich das Heimweh packt. Angst, in der Schule hier nicht wieder reinzukommen. Angst, dass die Schule in Schweden zu schwer ist. Angst, allein zu sein. Angst von zu vielen Menschen umgeben zu sein, ohne wirklich von ihnen umgeben zu sein. Angst, dass Gefühl von Fremde nicht loszuwerden. Angst, zurück zu kommen und Schweden mehr zu vermissen als gesund ist. Angst davor, vor Angst blind zu werden.

Und niemand kann mir die nehmen, denn das ist meine Angst. Nur meine.

Und jeder Mensch, der mir sagt „Ach, mach dir keine Sorgen, das wird schon“, streut effektiv Salz in die Wunde (#DankeFürDeinVertrauenInMichEsSetztMichInnerlichUnterDruck)

Natürlich nimmt man sowas niemandem übel, ich bin froh um jeden Menschen der so viel in mir sieht, dass er an mich glaubt. Und wirklich dankbar, nebenbei gesagt.

Nichtsdestotrotz kann ich nicht schlafen, denn sobald meine Augen zufallen, schreit etwas in meinem Kopf „Willst du die letzten 120 Stunden in Deutschland wirklich verschlafen? Du bist bald weg, nutz sie sinnvoll“, danke lieber Kopf, aber es ist 1:00 und Produktivität zu dieser Zeit ist standartmäßig etwas fehl am Platz.

Kurzzeitig helfen so Dinge wie Gastgeschenke kaufen. Aber noch mehr Gastgeschenke kann ich wohl kaum kaufen, ohne dass es langsam komisch wird.

Und meine arme Gastschwester weiter vollheulen fühlt sich gleichermaßen falsch an.

Also bitte, kann mich irgendwer retten (oder meinen Kopf abschrauben)? Ansonsten werden die nächsten 5 Tage in Deutschland verhältismäßig unschön, und ich würde sie eigentlich gern anders in Erinnerung behalten.

Bis dann und wann, Jenna.

 

(13.04.18) Angst, Panik, Schiss, Grausen, Sorge, Bange, Zwiespalt und was das Gefühl sonst noch beschreibt

Was ein fröhlicher Titel.

Aber so ist das nun mal, wenn ich plötzlich ein Abflugdatum hab.

Mit Vorbereitungswochenende bleiben mir am heutigen Tag noch 4 Monate und 2 Tage, ohne auch nur 3 Tage mehr. 127 Tage. 127 Tage mit meiner Familie, meinen Freunden, meiner Schule, allem Gewohnten. 127 Nächte in meinem eigenen Bett. 127 Tage in denen noch so viel passieren muss und wird.

127 Tage in denen ich Angst hab, dass die Angst nicht mehr weggeht.

Das bringt einem ja niemand bei. Ehrlich gesagt bringt einem all das wirklich nützliche niemand bei und ich spreche jetzt weniger von Steuererklärungen und mehr davon, wie man sich weniger allein und verloren fühlt.

Allein zwischen unglaublich vielen Menschen. Menschen die dir entweder sagen, wie toll du bist und, dass sie selbst sich sowas nie getraut hätten, und auf der anderen Seite die, die dich und was du tust schwachsinnig finden. Schlussendlich ist das alles einfach nur verrückt.

Und dann würde man sie gerne anschreien, allesamt miteinander. Und schreien, dass man fast durchdreht. Dass man nichts von all dem ist. Kein Stück sicher, kein Stück mutig, kein Stück irgendwie gefestigt in seinem Denken.

Aber von Zweifeln spricht man nicht, denn Menschen fragen nach.

Und ganz ehrlich, kaum jemand, der grade so seine Nerven noch zusammenhalten kann, möchte sich noch erklären.

 

Jetzt, wo ich die Tage bis zum Abflug zählen kann, ist alles noch schlimmer. Zahlen drücken Dinge so furchtbar präzise aus und machen sie furchtbar real.

Und ich möchte am liebsten jeden Menschen anschreien der irgendwas sagt wie „Ja aber du verlierst doch hier in Deutschland nichts, du kommst wieder und alles ist noch da“.

Ja Pustekuchen. Ich bin ein elendes Gewohnheitstier und Veränderungen schlagen mir schlimmer auf den Magen als schlechter Fisch und das „aber manchmal sind Veränderungen notwendig“ macht da genau… äh… nichts besser.

Ich werde nie Gewissheit haben, dass hier alles weitestgehend bleibt wie es ist. Und so wenig ich drastische Veränderungen auch vertrage wenn ich praktisch vor Ort bin, das ist absolut nicht vergleichbar mit Veränderungen in unerreichbarer Distanz.

Meine Güte muss ich wie ein weinerliches Weichei (Ha! Alliteration! Hab doch was in Deutsch gelernt, welch Wunder!) klingen wenn ich das so sage, aber dazu zählen die banalsten Dinge.

Völlig egal ob es sich um das Streichen des Wohnzimmers handelt, wenn sich Paare im Freundeskreis trennen oder doch eher Umzüge oder gleich der Tod. Dinge zu verpassen, verkrafte ich auch überhaupt nicht.

 

Nimmt man all das zusammen, kann man sich ungefähr ausrechnen, warum ich so unglaublich Angst davor hab wegzugehen. Da hilft kein Zureden, keine Versprechen und kein Spott, die Angst wird immer bleiben.

Und jetzt die Tage runterzuzählen, dass macht alles nur noch echter und ich hab doch bloß noch Angst. Einfach bloß Angst.

 

Bis dann und wann, Jenna