(18.08.2018) Gedanken aus dem Flugzeug

7:42

Es ist strange.

Sehr strange.

Grade sitzt man noch am Flughafen, in Tränen aufgelöst und mit einem Gepäckturm zu den Füßen, zwei Stunden später schwebt man schön über Schweden.

„Flight EW7214 to Stockholm, Arlanda“

„Wir überfliegen Jönköpping“, sagte der Pilot. Klasse, das wollte ich mir schon immer mal ansehen.

Im Moment kreisen meine Gedanken irgendwo zwischen „Ist mir so schlecht, dass ich die Kotztüte lieber in den Händen halten sollte?“ und „Bringt mich meine Gastfamilie aufgrund der Gepäckmänge um?“.

Ich glaube das unter mir ist schon Schweden, könnte vom Aussehen her aber auch Borgwedel, Thale oder Clausthal-Zellerfeld sein.

Feuer scheint keins mehr zu brennen und wir landen jetzt.

Bis dann und wann, Jenna.

(14.08.2018) De jävla tårarna och världens bästa vänner

Hey Maya, hey Weiki!

Es steht wohl im Titel – Verdammte Tränen und die weltbesten Freunde – , ich vermisse euch zu Tode, und dabei bin ich nicht mal außer Landes.

Ist es kitschig? Definitiv!

Geht es anders? Höchst wahrscheinlich!

Muss ich das einfach mal loswerden, und zwar jetzt und nicht erst in 4 Tagen? Einhundertprozentig!

Ihr beiden, ihr seid die Besten!

Und ich habs nicht so mit Worten und das wisst ihr und das ist auch völlig egal, denn ich brauch euch nur anschauen und ihr versteht was ich meine.

Irgendwo sind wir verschieden wie Tag und Nacht, hell und dunkel, kalt und warm, fern und nah, dick und dünn, Freund und Feind, Fragen und Antworten, geschlossen und offen, Gewinner und Verlierer, hart und weich, hoch und tief, Liebe und Hass, wie Stillstand und Veränderung, und doch so gleich, dass ich manchmal das Gefühl bekomme, wir drei sind ein komisches kleines Kollektiv (ein wenig wie die Borg (@Maya, google das!) nur mehr freiwillig und weniger Zwangs-assimiliert).

Es ist komisch das in Worte zu fassen, aber wenn wir irgendwo zusammen sitzen, uns ausschließlich in schlechten Insidern (Pardon, oh heiliger Pinguin, sie sind natürlich vorzüglich!) unterhalten und mir vor Lachen fast die Pizza oben wieder rauskommt, dann läuft die Zeit oft wie in Zeitlupe ab und ich kann mein Glück manchmal nicht fassen.

Scheiße man, wir hatten uns schon oft in der Wolle, sind uns auf den Keks gegangen und hätten uns gern zu Brei geschlagen, aber ganz ehrlich, egal was wir uns an den Kopf werfen, kaum jemand bedeutet mir so viel wie Dat Dreamteam™. 

Es wird sich komisch anfühlen, ohne euch zur Schule zu gehen, ohne euch in Tränen auszubrechen und ohne euch zu lachen, bis mir alles wehtut.

Ohne euch beim goldenen M zu sitzen und sich beim Essen zur Sau zu machen. Ohne euch Nudeln bei Pizza Hut zu essen. Ohne euch nach der Schule mit dem improvisierten Mittagessen auf dem Spielplatz sitzen. Ohne euch mir den Arsch in Freistunden platt sitzen. Ohne euch die skurrilsten Kunstprojekte auf die Beine stellen. Ohne euch auf den letzten Drücker irgendwelche Gruppenarbeiten fertig machen. Ohne euch in Panik verfallen, weil wir alle die Hausaufgaben vergessen haben.  Ohne euch schreckliche Musik hören und doch mitsingen. Ohne euch lästern wie die größten Arschlöcher auf Erden. Ohne euch mein Schulbuch aufschlagen, auf hässliche Gebilde zeigen und sagen „Das bist du!“.

Ohne euch zu leben ist strange.

Ohne euch ist so vieles strange.

Ihr seid mein zweites Hirn und zweites Herz.

Mein Verstand und Gewissen.

Mein Engelchen und Teufelchen.

Ihr wisst so viel über mich, dass es eigentlich nicht mehr feierlich ist und doch seid ihr mit die größte Stütze in meinem verdammten ganzen Leben und ich bin euch so unendlich dankbar.

Ich bin schlecht mit Worten, das hab ich eben schon gesagt und das wisst ihr nur allzu gut.

Ich möchte an dieser Stelle Danke sagen. Danke für fast sechs Jahre. Sechs Jahre mit mehr Höhen und Tiefen, als manche in ihrem ganzen Leben haben und trotzdem stehen wir heute hier, alle zusammen.

Ihr bedeutet mir so viel, dass ich praktisch ich die 2 1/2 Stunden seitdem wir Tschüss gesagt haben, durchgängig heule (und nicht elegant wie ein Schlosshund sondern mehr wie ein sterbendes Walross).

Danke. Einfach bloß Danke.

 

(13.08.2018) 5 scheiß Tage

Scheiße in der Tat.

Das ist wie sitzen auf heißen Kohlen mit Hummeln im Arsch, den Füßen Im Hornissennest, einem Braunbär der meine Hand für sein Mittagessen hält und gleichzeitig den Kopf tief im Sand stecken haben, und das alles zusammen.

Positiv anzumerken sei an dieser Stelle, dass meine Gastfamilie toll ist. Also so richtig. So sehr, dass ich mich überwinde und sogar Harzer Käse mitbringe. (Wobei das eine komplett andere Geschichte ist).

Mein momentanes Innenleben ist lässt sich mit diesem tollen Paint-Diagramm super erklären.

Mein Gott (oder Gandalf. Lieber Gandalf), ich hab Angst. Und mir ist praktisch 24/7 schlecht.

An dieser Stelle, ich freu mich tierisch um jeden Menschen, der Samstag gekommen ist um mir tschüss zu sagen! Nur leichter gemacht hats das nicht, jetzt weiß ich nämlich wieder sehr sehr doll, warum ich euch alle so vermissen werde.

Ich hab so viel Angst.

Angst, dass mein Schwedisch nicht reicht. Angst, von Fettnäpfchen in Fettnäpfchen zu stolpern. Angst, meiner Gastfamilie auf die Nerven zu gehen. Angst, keinen Anschluss zu finden. Angst, den Erwartungen nicht zu entsprechen. Angst, irgendwelche organisatorischen Dinge zu versauen. Angst, Dinge hier in Deutschland zu verpassen. Angst, dass Menschen hier für immer von mir gehen, denen ich nicht tschüss sagen konnte. Angst, dass mir in Schweden was passiert und niemand da ist. Angst, dass mich der Inhalt meines Kopfes auffrisst. Angst, dass mich das Heimweh packt. Angst, in der Schule hier nicht wieder reinzukommen. Angst, dass die Schule in Schweden zu schwer ist. Angst, allein zu sein. Angst von zu vielen Menschen umgeben zu sein, ohne wirklich von ihnen umgeben zu sein. Angst, dass Gefühl von Fremde nicht loszuwerden. Angst, zurück zu kommen und Schweden mehr zu vermissen als gesund ist. Angst davor, vor Angst blind zu werden.

Und niemand kann mir die nehmen, denn das ist meine Angst. Nur meine.

Und jeder Mensch, der mir sagt „Ach, mach dir keine Sorgen, das wird schon“, streut effektiv Salz in die Wunde (#DankeFürDeinVertrauenInMichEsSetztMichInnerlichUnterDruck)

Natürlich nimmt man sowas niemandem übel, ich bin froh um jeden Menschen der so viel in mir sieht, dass er an mich glaubt. Und wirklich dankbar, nebenbei gesagt.

Nichtsdestotrotz kann ich nicht schlafen, denn sobald meine Augen zufallen, schreit etwas in meinem Kopf „Willst du die letzten 120 Stunden in Deutschland wirklich verschlafen? Du bist bald weg, nutz sie sinnvoll“, danke lieber Kopf, aber es ist 1:00 und Produktivität zu dieser Zeit ist standartmäßig etwas fehl am Platz.

Kurzzeitig helfen so Dinge wie Gastgeschenke kaufen. Aber noch mehr Gastgeschenke kann ich wohl kaum kaufen, ohne dass es langsam komisch wird.

Und meine arme Gastschwester weiter vollheulen fühlt sich gleichermaßen falsch an.

Also bitte, kann mich irgendwer retten (oder meinen Kopf abschrauben)? Ansonsten werden die nächsten 5 Tage in Deutschland verhältismäßig unschön, und ich würde sie eigentlich gern anders in Erinnerung behalten.

Bis dann und wann, Jenna.

 

(27.05. 2018) Vorbereitungswochenende Hamburg – oder auch – Stecken sie 50 fremde Jugendliche 24 Stunden in eine Jugendherberge, bevor sie sich in alle Welt verstreuen und sich nie wieder sehen

Vorbereitungswochenende also. Hui. Mir dreht sich beim Gedanken an den Abflug in nicht mal 3 Monaten der Magen um.

Kommen wir zum eigentlich Relevanten: Wie war das, und was war das eigentlich?

Angekommen in Hamburg sind wir morgens um 10, leicht müde und zu früh, an der Jugendherberge an der Horner Rennbahn. Ein paar von denen, dich ich schon von den Stipendienauswahltagen kannte, waren auch schon da.

Jippie, nicht allein rumstehen!

Der erste Blick rein in den Raum fiel direkt auf einen Tisch mit Essen. Ein Anblick, der so entzückend war, dass ich mich beim anstecken schön selbst mit meinem Namensschild erstochen hab.

Es folgte eine kurze Vorstellung des Ablaufs für das Wochenende bevor wir in Gruppen aufgeteilt wurden (ja, schön grundschulmäßig mit Abzählen von 1 bis 6). In den Gruppen ging es um Erwartungen und Vorurteile, die Frage was eigentlich „typisch deutsch“ ist und schlussendlich haben wir einen Brief an uns selbst geschrieben. Klingt nur halb so bescheuert wie es scheint, darin gings um Hoffnungen und Ängste, die wir jetzt gerade haben. Wenn wir wieder in Deutschland sind, bekommen wir die Briefe zurück und können dann schauen, ob und was sich da bestätigt hat.

Es folgte die Zimmereinteilung.

Stöhnen ging durch den Raum als als der Satz fiel: „Die Aufteilung haben wir übernommen“. Sortiert wurde nach Gastland.

Ich bezeichne unser Zimmer gerne als Resterampe, wir waren nämlich das Sammelsorium an Menschen, die mit ihrem Gastland kein eigenes Zimmer vollgekriegt haben. Spontan vereint wurden so also Spanien, Norwegen und Schweden.

Nach dem Mittagessen gings weiter mit mehr Workshops und Rollenspielen, nebenbei sind noch ein paar Returnees dazugestoßen.

In den Rollenspielen wurden alle möglichen potentiellen Probleme thematisiert und manchmal etwas überambitioniert und hysterisch dargestellt, lustig war es allemal.

Als da wären beispielsweise: „Was mache ich, wenn ich meinen Flug verpasse? (Und meine Gastfamilie vergisst mich abzuholen, jippie!)“, „Was mache ich auf Parties oder Feierlichkeiten, wenn ich mich unwohl fühle?“, „Wie komme ich von A nach B wenn meine Gastfamilie keine Zeit hat mich zu fahren? (nein, trampen ist keine gute Idee)“ und „Was mache ich eigentlich, wenn ich irgendein Problem mit meiner Gastfamilie hab? (porträtiert durch: Alter, der Hund isst von meinem Teller)“.

Zwischen lustigen Spielen und klassenfahrtsmäßigen Gruppenfotos (in matching T-Shirts für alle) haben wir noch Zeit bekommen, uns mit einem Ayusa-Mitarbeiter mit Ahnung und Erfahrung von und mit dem jeweiligen Gastland zu unterhalten und alle möglichen Fragen zu stellen.

Nachdem wir Abendbrot gegessen hatten und über die Rennbahn gestiefelt sind (und Filip einen heliumgefüllten Zebraballon gefunden hat), gabs wahlweise Pich Perfect 3, Champions League oder in unserem Fall, einen Ausflug zum Snack-Automaten.

Die Bettruhe wurde auf jeden Fall absolut total dolle eingehalten.

Und Hanna, falls du das liest, ich hab lange nicht mehr so viel gelacht nachts!

Morgens um 8 gabs Frühstück. Höchst wach und topfit trudelten nach und nach alle ein und machten sich mehr oder weniger motiviert übers Frühstück her, bevor dann die Zimmer abreisefertig gemacht werden mussten und wir uns wieder unten getroffen haben.

Es folgten schlussendlich 3 Stunden PowerPoint Präsentation, diesmal zusammen mit den Eltern und unterteilt in USA und nicht-USA.

Besprochen wurde ausnahmslos alles.

Wann bekomme ich An- und Abreisedaten? Wie sucht mich meine Familie aus? Was muss ich in der Schule erreichen (Surprise, nen Notenschnitt von 3,0) (Surprise 2: Schweden hat kein Notensystem mit Zahlen)? Was darf ich? Was darf ich nicht? Brauche ich ein Visa? Wie kriege ich das? Was darf ich alles nicht? Was passiert wenn ich Regeln breche? Gibt es Extrakosten? Wer bucht die Flüge? Wie funktioniert das mit der Versicherung? Handyvertrag?!? Wie schauts mit Besuchen aus? Wie ist das mit telefonieren in die Heimat? Und noch etwa 17.000 Fragen mehr, denn 3 Stunden sind lang!

Im Endeffekt waren es furchtbar informative und verdammt schöne 24 Stunden, in denen ich unglaublich viele neues Gesichter kennengelernt hab, und einige wirklich ins Herz geschlossen.

So war ich dann doch etwas traurig, all sich unser aller Wege trennten.

Schmeißen sie 50 Fremde zusammen und verstreuen sie sich nach 24 Stunden in die ganze Welt.

So oder so, meine Nerven hat es kein Stück beruhigt.

Bis dann und wann, Jenna

 

 

(13.04.18) Angst, Panik, Schiss, Grausen, Sorge, Bange, Zwiespalt und was das Gefühl sonst noch beschreibt

Was ein fröhlicher Titel.

Aber so ist das nun mal, wenn ich plötzlich ein Abflugdatum hab.

Mit Vorbereitungswochenende bleiben mir am heutigen Tag noch 4 Monate und 2 Tage, ohne auch nur 3 Tage mehr. 127 Tage. 127 Tage mit meiner Familie, meinen Freunden, meiner Schule, allem Gewohnten. 127 Nächte in meinem eigenen Bett. 127 Tage in denen noch so viel passieren muss und wird.

127 Tage in denen ich Angst hab, dass die Angst nicht mehr weggeht.

Das bringt einem ja niemand bei. Ehrlich gesagt bringt einem all das wirklich nützliche niemand bei und ich spreche jetzt weniger von Steuererklärungen und mehr davon, wie man sich weniger allein und verloren fühlt.

Allein zwischen unglaublich vielen Menschen. Menschen die dir entweder sagen, wie toll du bist und, dass sie selbst sich sowas nie getraut hätten, und auf der anderen Seite die, die dich und was du tust schwachsinnig finden. Schlussendlich ist das alles einfach nur verrückt.

Und dann würde man sie gerne anschreien, allesamt miteinander. Und schreien, dass man fast durchdreht. Dass man nichts von all dem ist. Kein Stück sicher, kein Stück mutig, kein Stück irgendwie gefestigt in seinem Denken.

Aber von Zweifeln spricht man nicht, denn Menschen fragen nach.

Und ganz ehrlich, kaum jemand, der grade so seine Nerven noch zusammenhalten kann, möchte sich noch erklären.

 

Jetzt, wo ich die Tage bis zum Abflug zählen kann, ist alles noch schlimmer. Zahlen drücken Dinge so furchtbar präzise aus und machen sie furchtbar real.

Und ich möchte am liebsten jeden Menschen anschreien der irgendwas sagt wie „Ja aber du verlierst doch hier in Deutschland nichts, du kommst wieder und alles ist noch da“.

Ja Pustekuchen. Ich bin ein elendes Gewohnheitstier und Veränderungen schlagen mir schlimmer auf den Magen als schlechter Fisch und das „aber manchmal sind Veränderungen notwendig“ macht da genau… äh… nichts besser.

Ich werde nie Gewissheit haben, dass hier alles weitestgehend bleibt wie es ist. Und so wenig ich drastische Veränderungen auch vertrage wenn ich praktisch vor Ort bin, das ist absolut nicht vergleichbar mit Veränderungen in unerreichbarer Distanz.

Meine Güte muss ich wie ein weinerliches Weichei (Ha! Alliteration! Hab doch was in Deutsch gelernt, welch Wunder!) klingen wenn ich das so sage, aber dazu zählen die banalsten Dinge.

Völlig egal ob es sich um das Streichen des Wohnzimmers handelt, wenn sich Paare im Freundeskreis trennen oder doch eher Umzüge oder gleich der Tod. Dinge zu verpassen, verkrafte ich auch überhaupt nicht.

 

Nimmt man all das zusammen, kann man sich ungefähr ausrechnen, warum ich so unglaublich Angst davor hab wegzugehen. Da hilft kein Zureden, keine Versprechen und kein Spott, die Angst wird immer bleiben.

Und jetzt die Tage runterzuzählen, dass macht alles nur noch echter und ich hab doch bloß noch Angst. Einfach bloß Angst.

 

Bis dann und wann, Jenna

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